Unsere diesjährige Klausur des Pädagogisch-Theologischen Zentrums Stuttgart führte uns für drei Tage nach Erfurt. Dort wohnten wir an historischer Stätte im wunderschönen Augustinerkloster, das ein Tagungsort mit besonderer Atmosphäre ist. Immerhin hat Luther hier gut 6 Jahre seines Lebens als Mönch verbracht.

Spannend war es, in Gesprächen mit Vertreter/innen des PTI der EKM aus Drübeck und Neudietendorf, zu erfahren, wie der Religionsunterricht dort bei 8-10% Kirchenmitgliedschaft ca. 20-27% einer Alterskohorte erreicht. Das ist ein großer Vertrauensbeweis der Konfessionslosen, der für die Qualität des Religionsunterrichts in den neuen Bundesländern spricht.

Für mich neu war das Modell einer Andachtsgestaltung mit innerem und äußerem Kreis: Innen sitzen die Schüler/innen, die bewusst teilnehmen wollen und mitfeiern, außen die anderen, die sich eher als Beobachter/innen und Zaungäste sehen. Dies wird wohl immer wieder dann verwendet, wenn man alle dabeihaben, aber nicht zur echten Teilnahme verpflichten will – eine Art Fishbowl für die Gläubigen.
Hängen blieb mir der Begriff „Religionssensibilität“. Religionssensible Erziehung an einer religionssensiblen Kita, Schule usw. nimmt ernst, dass Schüler/innen (auch) religiöse Fragen und Positionen haben und Ausdrucksformen ihrer Religion nicht tabuisiert werden dürfen. Dieser Begriff und die dazugehörige Praxis bietet eine Alternative zur rein weltlichen, konfessionslosen Schule, an der Religion außerhalb des RU nicht vorkommen darf. Es wird ernst genommen, dass ein Leben ohne Religion und eines mit beides Optionen sind, die man guten Gewissens wählen und ihnen auch in einer staatlichen Einrichtung Ausdruck verleihen darf.
Besonders beeindruckend für uns alle war der Vortrag von Prof. Dr. Michael Domsgen, Professor für Religionspädagogik an der Universität Halle zum Thema: „Was gehen uns die anderen an? Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse in der Säkularität“. (Online nachlesen lässt sich von ihm ein interessanter Vortrag von 2007 zum Thema „Lebensgestaltung und Lebensziele junger Menschen in Ostdeutschland“). Prof. Domsgen forscht auch empirisch. Interessant war dabei die Beobachtung, dass (junge) Konfessionslose in Ostdeutschland sich – nicht nur, aber vor allem an Weihnachten – ebenfalls in der Minderheit fühlen, obwohl sie zahlenmäßig klar die Mehrheit darstellen. Alle Studien betonen, dass Religiosität vor allem über die Familie weitergegeben wird. Spannend ist, was passiert, wenn das nicht mehr der Fall ist. Vielen fehlt nichts. Sie leben gut und gerne auch ohne Gott. Aber es kann durchaus passieren, dass über die Medien, über Serien und Kinofilme der Wunsch zu beten entsteht und Jugendliche das einfach ausprobieren und dann dabei bleiben. Sie beten also nicht aus Gewohnheit, weil sie das mit ihren Eltern schon als Kinder so gemacht haben, sondern aus Neugier. Und sie merken, es hilft bei der Regulation der eigenen Emotionen – schlichter gesagt: Beten wirkt und hilft.
Weil reiner Atheismus schwer zu leben ist, entsteht bei vielen eine agnostische Spiritualität, indem auf „unverbraucht“ wirkende Traditionen verschiedenster Herkunft zurückgegriffen wird. Für Christen ist es wichtig, mit solchen mehr oder weniger spirituellen Agnostikern auf Augenhöhe zu kommunizieren, ohne Bevormundung, ohne anderen etwas überstülpen zu wollen. Dann kann es durchaus zu ermutigenden Begegnungen kommen, auch wenn die Hoffnungen auf massenhafte Bekehrungen Konfessionsloser, wie es jetzt wieder die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD gezeigt hat, wohl wohl nicht in Erfüllung gehen werden. Ostdeutschland wird wohl bis auf Weiteres das Gebiet mit der statistisch niedrigsten Kirchenzugehörigkeit in Europa bleiben. Häufig hört man Aussagen, die eine große Gleichgültigkeit gegenüber Glaube und Religion ausdrücken: „Ich bin so nicht erzogen worden …“
Besonders spannend war für mich, dass Prof. Domsgen mit seinen Doktorand/innen auch über Jugendrituale forscht, besonders neue religiöse Jugendrituale, die von kirchlicher Seite als Alternative zu Konfirmation und Jugendweihe angeboten werden. Evangelische Schulen experimentieren mit solchen „Segensfeiern zur Lebenswende“, ursprünglich kommt die Idee interessanterweise aus dem katholischen Bereich. Am 8. April 2015 wird dazu auch eine Tagung stattfinden, deren Besuch sich für Fachleute und interessierte Praktiker/innen sicherlich lohnt. Ich glaube, dass sich hier eine spannende und grundstürzende Diskussion entwickeln könnte zur Frage, ob Konfirmation, Taufe und Kirchenmitgliedschaft wirklich wie bisher zwangsweise gekoppelt sein müssen. In diesem Blogbeitrag habe ich dazu schon einmal eigene Gedanken entwickelt.
erfurt01
Kirche(n) in Sicht im Land der Konfessionslosen
Wer jetzt denkt, wir hätten nur getagt und diskutiert und geplant: Natürlich kamen wir auch in Erfurt herum, besuchten die Alte Synagoge und die Mikwe, genossen Thüringer Klöße und bewunderten die Krämerbrücke. Erfurt ist jederzeit einen Besuch wert und wird uns in guter Erinnerung bleiben!

 

Konfessionslos glücklich? Begegnungen in Erfurt

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