Rezension von: Digitale Subjekte. Praktiken der Subjektivierung im Medienumbruch der Gegenwart,
Hrsg. Tanja Carstensen, Christina Schachtner, Heidi Schelhowe, Raphael Beer, transcript Verlag Bielefeld 2014, 295 S., verfasst für die Württembergische PfarrerInnen-Zeitschrift „Für Arbeit und Besinnung“

Das Schwerpunktthema der EKD-Synode 2014 in Dresden lautete: „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“. Längst verändert die digitale Kultur auch das Leben der Kirche, erst recht das Leben junger Menschen. Wie sich Selbst- und Weltbilder junger Menschen dadurch verändern untersucht seit 2009 das an vier Universitäten angesiedelte Projekt SKUDI – „Subjektkonstruktion und digitale Kultur“ (http://skudi.org , dort sind viele Ergebnisse auch online dokumentiert).

Der vorliegende Sammelband gibt einen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse der eher qualitativ als quantitativ orientierten Feldforschungen, die bewusst offen an ihren Untersuchungsgegenstand herangingen. Methodisch orientieren sich alle Beiträge an der auf Anselm Strauss, den Begründer der Chicagoer Schule der Soziologie, zurückgehende „Grounded Theory“; hierbei geht man nicht mit Hypothesen an den Forschungsgegenstand heran und verifiziert oder falsifiziert sie, sondern begibt sich in einen Lebenswelt hinein, kodiert das Material – meist Interviews – und arbeitet mit diesen Typen und neu gewonnenen Hypothesen weiter.

Tatsächlich ist es offen, wohin uns der Medienumbruch der Gegenwart führen wird. Untersucht wurde etwa der Arbeitsalltag von 30 Web-WorkerInnen. Als zentrale Herausforderung und Schlüsselkategorie zeigte sich hier das „Grenzmanagement“, der Umgang mit und die Bewältigung von Entgrenzung (S. 40): Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen, zwischen Beruf und Hobby, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Es entsteht eine Art „persönliche Öffentlichkeit“. Selbstvermarktungsdruck und der Wunsch nach Datenschutz kommen in Konflikt miteinander. Auch das Lernen wird entgrenzt, der beschleunigte technologische Wandel durch das Internet macht lebenslanges Lernen unumgänglich und gleichzeitig klassische Lernorte überflüssig. Fünf Typen des Umgangs damit lassen sich beschreiben (S. 42): genussvolles Grenzverwischen, sehnsüchtige Mehrarbeit, kontrolliert-strategische Grenzziehungen, Umgang mit Entgrenzung als Belastung und pragmatische Abgrenzung. Besonders diesen Teil fand ich anregend zu lesen, denn auch im Pfarrerberuf gewinnen digitale Medien an Bedeutung und erfordern neues, sensibles Grenzmanagement. Dabei ist die Frage nicht nur, welcher Typ bin ich, sondern auch, wie gelingt die Kommunikation des Evangeliums sach- und situationsgerecht.

Dass jungen Menschen das Internet entgegen kommt, ist offensichtlich. Eine zentrale These des Buchs ist die, dass der Cyberspace sich als Ort für das uneindeutige Subjekt anbietet, weil man dort nicht ständig zur Eindeutigkeit aufgerufen wird (S. 19). Nach Foucault kann man solche Räume heterotopisch nennen, sie laden ein „zum Experimentieren, zu Identitätsversuchen, zum Erkunden des Unbekannten fernab vom kontrollierenden Blick der Erwachsenen“ (S. 96f). Dabei lädt das Netz ein zur Partizipation, spiegelt deutlich den Wunsch nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es bietet scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten der Selbstinszenierung und Identitätsarbeit. Auffällig ist die große Bedeutung von Humor und Spaß im Web 2.0.

In einem anregenden, philosophisch und soziologisch weit ausgreifenden Text fragt Raphael Beer nach dem Subjekt im Wandel der Zeit. Nach dem Aufschwung des gleichberechtigten Subjekts im Zeitalter der Aufklärung kam dieses theoretisch mehr und mehr unter Druck und wurde in seiner Abhängigkeit von der Gesellschaft und den herrschenden Verhältnissen gesehen. Doch bieten hier nach Beer die neuen Digitalen Medien tatsächlich einen Hoffnungsschimmer, weil sich Freiheit und ein herrschaftsfreier Diskurs hier umsetzen ließen, sogar global. Allerdings müssen dafür auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet werden – eine Aufgabe, die sich uns allen stellt, auch in der Kirche.

Mit der Vielfalt der Bezüge ist das Buch durchaus lesenswert, allerdings fehlt manchmal die Anschaulichkeit, die sich online sofort einstellt, wenn etwas Filme von den durchgeführten Workshops gezeigt werden. Auch scheint mir die Theoriebildung noch nicht so weit fortgeschritten, dass es belastbare Ergebnisse gibt, hier fehlt mir die quantitative Rückbindung der Ergebnisse. Eine Suchbewegung auf hohem Niveau ist das Buch aber allemal.

Sehenswerter Film zu den Ergebnissen des Projekts

Internetlinks:

Rezension „Digitale Subjekte“
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