In dieser Woche habe ich zum ersten Mal eine „silent disco“ erlebt, auch Kopfhörerparty genannt. Seit ich zum ersten Mal von diesem Konzept gehört habe, war ich sehr skeptisch. Ist das nicht der Gipfel des Individualismus? Jeder tanzt zu seiner eigenen Musik und bekommt nichts mehr vom anderen mit. Gut, ganz so schlimm ist es nicht. Die Kopfhörer, die wir benutzten, hatten nur zwei Kanäle.

Auf einem Kanal lief die von DJ Faith live gemixte Musik, auf dem anderen konnten wir per Laptop die Musik einstellen, die wir hören wollten. Dank Streaming-Dienst war das eine Auswahl aus 20 Millionen Musikstücken. Scherzhaft wurde dieser Kanal von den tanzenden Pfarrer/innen als „Seniorenkanal“ bezeichnet. Da liefen dann die Rolling Stones, Reinhard Mey und auch mal „Ich war noch niemals in New York“.

Musik und Rhythmus gehören zu den ältesten Mitteln, um Menschen miteinander zu synchronisieren. Schwere Arbeiten gehen oft nur im Takt, Tanzen funktioniert eigentlich nur, wenn man sich parallel bewegt. Welchen Sinn macht es dann, verschiedene Kanäle einzuspielen?

Was mich sehr überrascht hat: Das Konzept funktioniert tatsächlich und sorgt für gute Stimmung auf dem Dancefloor. Die Lichter können sich zwar nur nach einem Track richten, aber das macht nichts. Es entsteht trotzdem ein Gefühl der Verbundenheit. Und stärker als beim Tanzen nach derselben Musik, versucht man sich ständig in die anderen hineinzudenken: Was die wohl gerade hören?

Nach Michael Tomasello zeichnet es den Menschen aus und ist letztlich der Ursprung der Sprache, dass er mit „geteilter Intentionalität“ unterwegs ist. Einfühlungsvermögen heißt das, ahnen, was der andere vorhat, wie er unterwegs ist – eine wichtige Grundlage der Mitmenschlichkeit. Und genau das trainiert die Silent Disco: Wenn ich dem anderen auf die Spur kommen will, kann ich einfach am Funkkopfhörer den Kanal wechseln und schauen, was er gerade hört.

Ein großer Vorteil ist übrigens, dass man sich bei einer Silent-Disco-Party problemlos unterhalten kann, indem man einfach die Kopfhörer absetzt. Dann hört man – falls nicht über Boxen Hintergrundmusik eingespielt wird – wie die aktiven Tänzer bestimmte Passagen mitsingen, was sehr witzig klingt.

Eine Idee entstand bei unserer Silent Disco: Wie wäre es, wenn man Jugendliche mit Senioren auf einer Tanzfläche zu verschiedener Musik zum Tanzen bringen würde? So etwas gab es noch nie, ist doch Musik, zu der man tanzt, fast immer ein Generationenprojekt. Die große Kunst des DJs bestand bisher darin, den Geschmack der Mehrheit zu treffen. Die neue Kunst wäre es, sich in verschiedene Generationen gleichzeitig hineinzudenken und so ein echtes Mehrgenerationen-Musik-Kunstwerk zu schaffen.

Was kann man vom Konzept der Silent Disco für den Umgang mit Verschiedenheit lernen? Menschen waren schon immer verschieden und unsere moderner Lebensstil hat zu einer enormen Zunahme der Möglichkeiten geführt, sein Leben individuell zu gestalten. Konzepte wie die Silent Disco erlauben durch Technik etwas Wunderbares: dass Menschen mit unterschiedlichen Vorlieben sich nicht trennen müssen und in Sub-Welten abtauchen, sondern dass sie in einem Raum auf je verschiedene Weise feiern und das Leben genießen können. Das erinnert irgendwie sehr an das Konzept der Inklusion, das den Leitspruch vertritt: „Es ist normal verschieden zu sein.“ Unter diesem Titel ist eben erst eine Orientierungshilfe der EKD zur Inklusion erschienen, die ich mir in einer ruhigen Stunde mal zu Gemüte führen will.

Die Angst vor dem Verschwinden aller Gemeinsamkeiten durch die zunehmende Individualisierung ist womöglich unbegründet. Wenn jeder gleichzeitig das Gleiche auf seine Weise tun kann wie bei der Silent Disco, geht uns nichts verloren, sondern wir gewinnen etwas hinzu. Sicher auch Komplexität, aber ganz bestimmt Lebensfreude, Gemeinsinn und Einfühlungsvermögen.

Und hier kann man sehen und hören, wie das funktioniert:

 

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Silent Disco – Wie viel Individualismus verträgt der moderne Mensch?
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