Die Podiumsdiskussion auf dem Kirchentag im Anschluss an den schönen Vortrag von Stefan Westhauser (hier nachzulesen) war sehr anregend. Auch in der Konfi-Arbeit ist Erlebnispädagogik sehr beliebt, gilt mancherorts gar als Geheimrezept, um Konfi-Arbeit attraktiv zu machen.
Hier vier Punkte, die mir zum Thema „Glauben (lernen) in der Erlebnispädagogik“ wichtig scheinen:

  1. Der moderne Mensch braucht archaische Erlebnisse, die ihm Adrenalin in die Adern pumpen und ihn echte Kooperation erfahren lassen. Wir leben heute so radikal anders als zu früheren Zeiten, dass wir besondere, extra arrangierte Erlebnisse brauchen, um Anschluss zu finden an den Erfahrungsschatz früherer Generationen. Überlebens-Angst und Vertrauen sind solche Themen. Unsere psychische Ausstattung ist auf eine andere Umwelt als die heutige angepasst. Die Angst-Reaktion mit dem Impuls zum Weglaufen passt bei der Begegnung mit einem Tiger, wenn ich auf eine heikle Mail meines Chefs antworten soll, ist sie eher dysfunktional. David wusste noch was Angst vor einem Löwen ist und er hat Vertrauenspsalmen sicher anders gebetet und verstanden als wir heute. Deshalb hilft es, solche Erfahrungen einmal selbst zu machen und sie dann reflexiv auf Situationen unseres Alltags zu übertragen.
  2. Erlebnispädagogische Erfahrungen können Glaubenserfahrungen anstoßen und diese stimulieren, sind aber nie damit zu verwechseln. Es sollte zu jeder Zeit klar sein, worum es geht, sonst wird Erlebnispädagogik (EP) manipulativ. Der Glaube ist unverfügbar, er ist ein Geschenk Gottes und nicht jedermanns Ding. Intensive Erlebnisse in der EP sind analogiefähig, aber nicht die Sache selbst. Eberhard Jüngel beschreibt den Glauben als eine besondere Erfahrung mit der Erfahrung. Diese Formulierung finde ich für dieses Thema sehr hilfreich.
  3. Im christlichen Glauben gibt es zwei zentrale Richtungen: die horizontale und die vertikale, Gottesliebe und Nächstenliebe. Im Vortrag von Stefan Westhauser war für meinen Geschmack das Thema Nächstenliebe im Sinne von unmittelbarer Hilfe und Not wendender Kooperation unterbelichtet. Viele schöne EP-Modelle bieten hier gute Anregungen. Wir leben heute immer mehr als Einzelkämpfer und erziehen unsere Kinder zu Individualisten. Unser Wohlstand erlaubt es uns, Dinge und Dienstleistungen zu kaufen statt andere um Hilfe zu bitten. Hier kann eine EP, die gelingende Kooperationserfahrungen ermöglicht, ein wichtiges Korrektiv sein.
  4. Eine für Juden wie Christen zentrale Unterscheidung ist die zwischen Schöpfer und Geschöpf bzw. geschaffener Welt. Die Kräfte der Natur sind nicht selbst göttlich, sondern Gott kann sich ihrer bedienen. Auch die Gotteserkenntnis aus der Natur heraus ist in der Theologie sehr umstritten, die dialektische Theologie hat sie gar radikal abgelehnt. Der Glaube kommt nicht aus der Natur, sondern aus der Predigt und dem Wort Gottes, das einen Menschen in seiner konkreten Lebenssituation erreicht. Das heißt nicht, dass mich eine grandiose Naturerfahrung nicht zum Lob Gottes bringen kann. Es heißt aber schon, dass die Erfahrung des Waldes und der Berge nicht ausreicht, damit ein Mensch erkennt, dass Gott ihn und diese Welt geschaffen hat und mit ihm in Kontakt sein will.
So weit ein paar Dinge, die ich so ähnlich auch in die Podiumsdiskussion eingebracht habe. Nun bin ich gespannt auf Ihre Meinung und Reaktionen, gern auch über die Kommentarfunktion hier im Blog.
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Anmerkungen zur Erlebnispädagogik im christlichen Kontext
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