Schon zu Zeiten, als ich noch in der Schule unterrichtet habe, kam mir das merkwürdig vor: Immer wenn die Ferien bevorstehen, sind alle ferienreif, pfeifen aus dem letzten Loch. Gut – in Baden-Württemberg sind die Ferien so spät, dass die spätestens die Hitze Ferienstimmung auslöst, bis dann fast immer am Ferientag das Wetter schlecht wird. Gut, dieses Jahr hat sich das Wetter ziemlich schnell erholt.

Nach meinem Eindruck ist die Ferienreif-Stimmung trotzdem entweder herbeigeredet oder Ausdruck eines Systemproblems. Denn eigentlich sollte das Leben so eingerichtet sein, dass jede Woche ihre eigene Balance hat. Spätestens nach dem Wochenende sollte man wieder erholt sein. Ein paar Wochen kann man vielleicht mal „unter Wasser“ gehen, aber spätestens dann sollte man wieder längerfristig auftauchen.

Unser gegenwärtiges Wirtschaftsmodell scheint oft eine Zweiteilung zu bewirken. Auf der einen Seite stehen Leute, die bis zum Anschlag arbeiten und ausgepresst werden. Aus 100% werden dann – meist ungewollt – 130%. Sowohl von der Zeit her als auch vor allem von der Verdichtung der Arbeit her. Auf der anderen Seite stehen die, die es aus der Kurve getragen hat. Es gibt kaum qualifizierte Jobs, bei denen man einfach mal 25% arbeiten kann. Zumindest bei Pfarrern und Lehrern geht das m. W. nicht oder nicht so einfach. Noch besser würden mir für Familien zweimal 70% für beide Elternteile gefallen. Aber wo gibt es bitte den Job, bei dem 70% nicht 100% bei schlechterer Bezahlung bedeutet?

Vielleicht wäre ja tatsächlich ein bedingungsloses Grundeinkommen eine gute Idee, das den Zwang zum Arbeiten wegnimmt und die Lust am Arbeiten wiederbringt. Hier ein schöner Artikel aus der SZ dazu: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geld-ohne-gegenleistung-niederlande-experimentieren-mit-grundeinkommen-1.2608557

Ich freue mich, dass ich jetzt die Ferien vor mir habe. Habe ich sie verdient? Bestimmt. Habe ich sie nötig: eigentlich nicht, zumindest nicht in dem Sinne, dass ich nicht mehr könnte. Eher in dem Sinne, dass es wichtig ist, auf andere Gedanken zu kommen. Reisen bildet. Der Familie tut es gut. Man kommt heraus aus dem Alltagstrott und bekommt neue Ideen. Außerdem habe ich von den 1000 Orten, die man sehen muss, bevor man stirbt, bestimmt 900 noch nicht gesehen (ohne nachgezählt zu haben).

Und wer jetzt noch Zeit hat, hat vielleicht auch Zeit für dieses schöne Video mit Prof. Götz Werner und Prof. Wilfried Härle. Vielleicht findet man in den Ferien ja Zeit, dieses wunderbare Gespräch von unserer letzten Jahrestagung Konfirmandenarbeit in Birkach mal in Ruhe durchzuschauen. Vor allem die Schlusspointe sollte man nicht verpassen: Mit welchem Tag beginnt die Woche? Braucht man die Ferien als Erholung von anstrengender Arbeit? Oder sollte nicht das ganze Leben geprägt sein von einer sonntäglichen Haltung: Das Leben ist verdankt und geschenkt. Die Mühen der Werktage sind leistbar. Das Leben ist auch etwas wert, wenn ich gar nicht arbeiten kann, deshalb lege ich nicht alle Energie in die Arbeit hinein, sondern sehe das Leben als Balance von Muße und Arbeit. Ach ja: schöne Ferien allen, die sie haben! Auf jeden Fall allen Schüler/inne, die in der Schulzeit genug unter Druck stehen (vgl. diesen Blogbeitrag). Und die anderen: nicht traurig sein, der nächste Urlaub kommt bestimmt.

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ferienreif – warum eigentlich?
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