Jan Böhmermann, dessen Neo Magazin Royale ich immer wieder gerne schaue, hat kurz nach den Terroranschlägen von Paris 100 Fragen auf Facebook gepostet (barrierefrei nachzulesen z. B. hier). Und keine Antworten. Mit Antworten soll man ja nicht zu schnell bei der Hand sein. Eine Woche ist jetzt vergangen. Wie wahrscheinlich alle, habe ich betroffen und nachdenklich die Ereignisse verfolgt, die uns durch die Absage des Nationalspiels in Hannover in Deutschland noch buchstäblich näher gerückt sind. Und nach unserem Urlaub in Paris, wo wir die plötzliche Abriegelung des Platzes vor dem Louvre mit schwer bewaffneten Soldaten erlebt haben, war Paris schon nahe genug.

Antwortversuche sind keine fertigen Antworten und bewusst wähle ich aus. Im Moment gibt es in den Medien so viele Terrorismusexperten zu hören. Ein solcher bin ich nicht. Will es auch gar nicht werden.

  1. Frage 1: Warum? Die Warum-Frage ist oft die erste Frage, die man sich stellt. Warum tun Menschen so etwas? Warum lässt Gott so etwas zu? Dass jeder Mensch Aggressionen hat und sie auch einsetzt, um sich durchzusetzen – geschenkt. Aber dass Menschen für eine höhere Idee ihr Leben nicht nur riskieren, sondern opfern – das will auch mir nicht in den Kopf. Ich kann mir nur zwei Antwortmöglichkeiten vorstellen: Das sind Menschen, denen man im Jenseits verdrehterweise etwas so Attraktives versprochen hat, dass ihnen ihr Leben im Vergleich dazu als sinnvoller Einsatz erscheint. Oder es sind Menschen, die ohnehin keine Lebensperspektive mehr sehen und die einen typischen erweiterten Suizid (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Suizid#Erweiterter_Suizid) begehen. 
  2. Frage 32: Warum beten die Menschen für Paris, statt Paris zu helfen? #prayforparis wurde auf Twitter und in den sozialen Netzwerken zum trendenden Hashtag. „Da hilft nur noch beten“ sagt man gern, wenn man hilflos ist. Beten ist die Tat, die übrig bleibt, wenn alles Tun keinen Erfolg verspricht. Es schließt natürlich das Tun nicht aus. Ora et labora, beten und arbeiten gehören nicht nur in den benediktinischen Mönchsregeln zusammen (das Motto geht übrigens nicht auf Benedikt selbst zurück, war mir auch neu), sondern auch im Leben jedes Christenmenschen. Einige schöne Gebete für Paris findet man hier: http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/gebete-und-fuerbitte-fuer-opfer-und-angehoerige-in-frankreich-2.html Wer betet vertraut darauf, dass Gott helfen kann, hofft es zumindest. Und beten bewegt nicht nur Gottes Arm, sondern es verbindet auch Menschen in ihrer Ausrichtung auf den Gott, der Frieden und Versöhnung unter den Menschen will und mit allem Einsatz das Böse bekämpft. 
  3. Frage 40: Sollte ich mich äußern – wenn ja, wen interessiert das eigentlich? Das habe ich mir tatsächlich lange überlegt. Muss jeder öffentlich seine Meinung sagen, muss ich mein Facebook-Profilbild als Trikolore einfärben? Ich habe es nicht getan und bin doch beeindruckt davon, wie viel Solidarität durch solche Aktionen spürbar wird. Es ist gut, dass viele sich äußern und damit einen Meinungs-Schutzwall um die verrückten Ideen der Attentäter bauen. 
  4. Frage 48: Wäre Atheismus die Lösung? Der Gedanke, dass eine Welt ohne Religionen eine Welt ohne religiöse Fanatiker wäre, ist nahe liegend. Leider gibt es zu viele Beispiele für Gewalt und Terror, die durch andere Ideologien oder schlicht durch den Wunsch nach Macht und Überlegenheit begründet sind, dass ich mir das nicht vorstellen kann. Wären alle Menschen Atheisten, gäbe es auch nicht die unbestreitbare Motivation, aus Glaubensgründen Gutes zu tun, anderen zu helfen, Wunden zu verbinden, Böses zu bekämpfen. Letztlich ist das eine Frage des Gottesbildes und nicht eine Frage, ob wir an einen Gott glauben, der die Welt geschaffen hat und Einfluss nehmen will darauf, wie wir leben. 
  5. Frage 60: Für welche Überzeugung würde ich sterben? Über Jahrhunderte habe sich Christen an Märtyrern ein Vorbild genommen. Auch im Neuen Testament gibt es viele Anspielungen auf die Bereitschaft, aus Glaubensüberzeugung zum sterben bereit zu sein. Jesus selbst war das. Für den modernen Menschen ist die Vorstellung, für eine Überzeugung zu sterben, sehr fern gerückt. Ich zähle mich zu den modernen Menschen und habe keine Lust, wegen einer Überzeugung zu sterben. Etwas konkreter wird die Frage vielleicht, wenn ich mir überlege, ob ich bei Gefahr für mein Leben eingreifen würde um anderen zu helfen. Da spüre ich schneller, dass es konkret wird und mein Mut mich schnell verlässt. Die Frage lässt sich wohl als abstrakte Frage nicht beantworten. Eher könnte man sich Situationen vorstellen – vermutlich oft Dilemma-Situationen – in denen die Bereitschaft zu sterben um Schlimmeres zu verhindern plötzlich da ist, weil es keine Alternative zu geben scheint. 
  6. Frage 71: Werden uns die Flüchtlinge helfen? Zum Glück wurde häufig genug betont, dass die Flüchtlinge genau vor dem Terror geflohen sind, den wir nun mitten in Europa haben. Werden sie uns helfen? Viele haben ihre Solidarität ausgedrückt, sind selbst ebenso betroffen wie alle anderen oder noch viel stärker (vgl. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-11/fluechtlinge-deutschland-paris-anschlaege-reaktionen/komplettansicht). Ich glaube, dass die Flüchtlinge uns auf jeden Fall indirekt helfen können. Unsere westliche und von christlichen Werten geprägte Offenheit und Hilfsbereitschaft ist das deutlichste Zeichen, das wir gegen den Terrorismus  setzen können. 
  7. Frage 76: Ist die Freiheit wirklich bedroht? Ja. Sicherheit hat ihren teuren Preis. 
  8. Frage 97: Hassen uns die Islamisten wirklich oder sind sie nur eifersüchtig? Dass Eifersucht eine Rolle spielt, glaube ich schon. Oft sind es eher diejenigen, die in der westlichen Gesellschaft keinen Erfolg haben und Außenseiter sind, die für den Islamismus ansprechbar sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. 
  9. Frage 99: Sollte Deutschland religiöser werden oder weniger religiös? Welche Religion? Auf jeden Fall müssen wir mehr als bisher über Religion nachdenken und reden. Der Glaube eines Menschen prägt zutiefst seine Überzeugungen und Verhaltensweisen. Wir müssen lernen, mit anderen Religionen und mit Konfessionsfreien zusammen zu leben und das auch aus religiöser Überzeugung. Am 19. November gab es zwei schöne Texte in den Herrnhuter LosungenDein Herz eifre nicht gegen die Sünder, sondern jederzeit nach der Furcht des HERRN. (Sprüche 23,17) Euer Vater im Himmel lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (Matthäus 5,45) Die Entscheidung, welcher Religion jemand anhängen möchte, ist in unserem Land zum Glück frei. Ich bekenne mich zum Christentum. 
  10. Frage 100: Möchte ich lieber in einem Land leben, in dem ich alle Fragen stellen kann, aber nur auf wenige eine Antwort erhalte oder in einem Land, in dem ich nur wenige Fragen stellen darf, die aber beantwortet bekomme? Ich möchte in einem Land leben, in dem offen Fragen gestellt werden dürfen und offen Antwortversuche gewagt werden. Schwach finde ich eine Haltung, die Antworten schon gar nicht mehr geben will und die diffamiert, die es versuchen frei nach dem Motto „Gut, dass wir gemeinsam gefragt haben.“ Wer auf Fragen nie eine Antwort bekommt, hört irgendwann auf zu fragen. Das gilt auch und gerade in pädagogischen Zusammenhängen. Die Antwort muss dabei nicht immer von den Lehrenden kommen. Aber ausweichen und sich wegducken dürfen sie auch nicht. 

Welche Antworten würden Sie geben? Welche Fragen von Jan Böhmermann schreien ebenfalls nach einer Antwort? Welche Fragen müsste man noch dazulegen? Wie kann man mit Konfis und Schüler_innen am besten über diese Fragen ins Gespräch kommen? Reaktionen gerne in den Kommentaren.

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10 Antwortversuche auf Jan Böhmermanns 100 Fragen
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