Ein wunderbarer Film für die Adventszeit ist „Der Unbekannte“ (9 Min.). Geheimnisvoll, mit einer provozierenden Langsamkeit. Mit unerwarteten Wendungen. Wir haben mit diesem Film einen Adventsgottesdienst gestaltet. Hier die Hinführung und die Predigt zum Film. Als Schriftlesung und Predigttext haben wir Lukas 2,25-32 nach der Basisbibel gewählt, Simeon und Hanna erkennen im Tempel das Jesus-Kind als Messias und Erlöser.

Hinführung zum Film

Weihnachten im Kloster, Heiliger Abend. Darum geht es in dem Film, den wir gleich sehen werden. Zehn Mönche essen und hören dabei das Weihnachtsevangelium. Festtagsroutine. Sie rechnen nicht damit, dass etwas geschieht. Aber es passiert ein Advent. Ein Unbekannter klopft, wird hereingelassen, an Tisch gebeten. Er wirkt bedürftig, er wird versorgt, die Mönche erkennen, dass er verletzt ist. Und sie spüren, dass dieser Unbekannte mehr sein könnte. Sie deuten Zeichen, sehen genauer hin. Aber sie sind sich nicht sicher. Ein blinder Mönche spürt mehr als die anderen. Könnte das wirklich Jesus sein, der Gekreuzigte, der wiedergekommene Herr? Kann man nach einer solchen Begegnung einfach mit dem Officium, dem Stundengebet, weitermachen? Sehen Sie selbst? Film ab!
Der Film wird gezeigt. 

Predigt

Liebe Advents-Gemeinde,
hat es da nicht eben an der Kirchentür geklopft, sollen wir ihn hereinlassen, den Unbekannten. Nein, so schlicht beziehen wir den Film nicht auf uns. Obwohl. Wie würden wir damit umgehen, wenn so ein Fremder, Bedürftiger, Durchnässter in unsere Weihnachtsfeierlichkeit käme?
Die Mönche tun viel. Teilen mit ihm, versorgen ihn. Aber der Fremde verstört. Wenn es Jesus selbst wäre, könnte man nicht weitermachen wie bisher. An die Geburt eines Kindes im Stall denken und dabei warme Gefühle haben. Der, der wiederkommt, ist der gekreuzigte und auferstandene Herr.
Wie sieht unsere Weihnachtstradition aus? Wie habt ihr, haben Sie den 1. und 2. Advent inszeniert? Wie feierlich wurden die Kerzen am Adventskranz angezündet und das Zimmer dekoriert? Wer hat Sterne gebastelt oder Gutsle gebacken? Und – Hand aufs Herz – wer hat wie die Mönche in der Bibel die Texte zur Geburt Jesus, die großen Prophetentexte mit ihrer Ankündigung des Messias gelesen und meditiert?
Advent, Advent ein Lichtlein brennt. War es das, fragt uns der Film, hat das Warten mit dem Heiligen Abend ein Ende? Ist es genug mit Weihnachten, wenn die Geschenke ausgepackt sind und die Familie endlich mal wieder mehr oder weniger einträchtig beieinander ist?
Der alte Simeon ist ein Gegenbild zu unserem gefühligen Vorweihnachtstrubel. Er wartet ein Leben lang auf den Messias, ohne sich die Wartezeit mit Glühwein und Zimtsternen zu verkürzen.
Er wartete auf den Retter, den Gott seinem Volk Israel schickt. So erzählt es Lukas. Der Heilige Geist leitete ihn. Und durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen: »Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.«

Woran erkennen wir, dass es Jesus ist, der zu uns kommt? In dieser Adventszeit, an Weihnachten? Wie spüren wir, dass er es ist, der unser Leben verändert und nicht wir frommen Träumen aufsitzen?
Im Film ist es der blinde Bruder, der die größte innere Klarheit hat. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. So steht es an der Klosterwand. So sagt es Jesus zum zweifelnden Thomas, der die Wundmale sehen und berühren muss, um glauben zu können.
Es stimmt: Auch ich hätte gern Beweise. Konnte mich immer gut mit dem Jünger Thomas identifizieren. Bin rational geprägt. Behaupten kann man viel, wenn der Tag lang ist. Da ist mir Jesus begegnet, da habe ich gespürt, er will etwas von mir? Trauen wir uns das zu denken? Nehmen wir das anderen ab? Oder tun wir sie als Spinner ab, denen der klare Durchblick fehlt?
Auch Simeon hat keine Beweise, dass dieses Kind, das er in seinen Armen hält, der Messias ist. Aber er spürt es. Er kann wohl wie der blinde Mönch kaum noch sehen. Umso mehr spürt er es in seinem Herzen, weil der Heilige Geist es ihm zeigt: Das ist der versprochene Retter, auf dem die Hoffnungen der Menschen ruhen nach Erlösung und Frieden, nach einer neuen Verbindung zu Gott, nach einer Überwindung der Spirale von immer neuer Gewalt und Gegengewalt.

Schauen wir in Gedanken noch einmal in den Film hinein: Wenn es wirklich Jesus ist, der da zu den frommen Menschen kommt, dann kommt er untypisch. Eher so wie im Gleichnis vom Weltgericht als der geringste Bruder. Wie bei der Geschichte von Tolstoi über den Schuhmacher Vater Martin. Er hört an Weihnachten eine Stimme: „Du hast dir gewünscht dass ich dich besuche. Achte morgen auf die Straße. Denn morgen werde ich zu dir kommen. Aber pass genau auf, damit du mich erkennst; denn ich sage dir nicht, wer ich bin.“
Er erkennt Jesus nicht gleich, erst im Nachhinein dämmert ihm, dass er in den Hilfsbedürftigen zu ihm gekommen ist.
Ich glaube wir in Deutschland müssen in diesem Jahr nicht lange überlegen, wer diese Hilfsbedürftigen sein könnten, in denen Jesus sich uns zeigt.

Noch eine zweite Spur aus dem Film: Der Jesus, der an Weihnachten kommt, ist kein Baby, das im Kinderwagen hereingeschoben wird. Der Erfolg von Weihnachten, der alle die Stimmung genießen lässt, egal ob sie mit der Botschaft etwas anfangen können, liegt sich auch daran, dass ein Kind, ein Baby im Mittelpunkt steht. Dabei geht es an Weihnachten um die Geburt des Erlösers. Der Wochenspruch für die kommende Woche lautet: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Der Erlösung hat am Kreuz von Golgatha stattgefunden und sie hat Jesus das Leben gekostet. Noch an seinem Auferstehungsleib trägt er die Wundmale an den Händen. Jesus kam nicht in eine Idylle, sondern in eine böse, feindliche Welt. Das ist tröstlich für alle, die leiden unter dem Bösen in der Welt. Jesus hat es ausgehalten, ist Opfer geworden, aber er hat gerade so, als unschuldiges Opfer, das Böse überwunden. Als der Abtbruder sich vor den anderen Mönchen zum Offizium-Gebet zurückzieht wird der Blick auf ein Kruzifix frei. Viel zu oft wird uns der Blick verstellt auf diesen gekreuzigten Christus. Weil wir es doch auch gemütlich haben wollen. Aber der Christus, dem wir nachfolgen sollen, ist nicht das Kind in der Krippe, sondern der Jesus, der sich eingemischt hat, der Partei ergriffen hat, der unkonventionell war. Der keine Angst hatte, verkannt zu werden, als Unbekannter aufzutreten, der mit falschen Erwartungen überladen wurde.
Auf wen warten wir in dieser Adventszeit und wie wollen wir Jesus, wenn wir ihn erkannt haben, empfangen? Angeregt von dem blinden Mönch wollen wir Euch und Ihnen Gelegenheit geben, die Sinne zu schärfen in einer kurzen Meditation. Wer mag, schließt sobald die Instrumentalmusik erklingt einfach die Augen und versucht, die Antwort zu erspüren. Jesus kommt, er hat es versprochen. Wir werden ihn sehen und erkennen. Und können dann wie Simeon in Frieden weiterleben und sogar sterben. Amen.

Meditation

Es folgt „Wie soll ich dich empfangen“ als Instrumentalmusik.

Links zum Film und Materialien

Der Film kann m. E. gut ab dem Konfirmandenalter eingesetzt werden, ist aber von seiner Machart her besser für etwas ältere Jugendliche und Schüler*innen geeignet. Nach dem Gottesdienst habe ich die anwesenden Konfirmanden gefragt, ob ihnen der Film etwas gesagt habe. Sie waren durchaus positiv angetan, manche meinten aber auch, dass der Film doch rätselhaft geblieben sei.

Advents-Gottesdienst zum Film „Der Unbekannte“ von Juliette Soubrier
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