Ja, auch ich habe sie bekommen. Diese Sendung von „Kirche macht was“ zum Ideenwettbewerb anlässlich des Reformationsjubiläums. Ja, auch ich habe mich gewundert: Haben wir plötzlich so viel Geld, dass wir solche Materialien produzieren können. Ja, auch ich habe mich gewundert über den Weg, wie das zu mir kam: Es wurde an meine Privatadresse geschickt. Ja, auch ich habe am Anfang gedacht: Macht die Kirche denn sonst nichts? Ja, auch ich denke, dass eine Kirche der Reformation das Evangelium betonen sollte, die Rechtfertigung allein aus Glauben, und nicht das Tun, das eine Konsequenz daraus ist.

Beim KonfiCup Landesfinale im Stuttgarter Neckarpark (ein paar Bilder hier: https://www.instagram.com/ejwsport/, Video hier: https://youtu.be/b5Z36tElzn8) gab es einen Infostand von „Kirche macht was“, bei dem ich endlich einmal meine Fragen loswerden konnte und der mich zu diesem etwas ausführlicheren Blogbeitrag motiviert hat.

Meine anfängliche Skepsis gegenüber die Kampagne zum Ideenwettbewerb war durch eine private Erfahrung schon geschwunden: Jemand erzählte mir, wie toll er das Motto und das Konzept dahinter findet und dass jemand jetzt sein Anliegen hier eingebracht habe, das sonst keine Plattform gefunden hätte. Ja, es stimmt. Nicht mit allem kann man in jeder Kirchengemeinde landen. Und auf höherer Ebene ist es oft schwer, Gehör zu finden mit einem Anliegen, wenn man nicht eh schon gut vernetzt ist.

Was steckt dahinter?

„Kirche macht was“ ist ein Ideenwettbewerb, der keine Preisgelder o. ä. verspricht, sondern die Umsetzung der Gewinneridee. Das Besondere ist, dass die Vorauswahl der Gewinnerprojekte online stattfindet – da hat die Kirche m. E. durchaus Nachholbedarf – und anschließend von einer kirchenunabhängigen Jury die Siegeridee bestimmt wird. Die Kampagne ist grafisch sehr modern und jung gestaltet, ohne künstlich jugendlich wirken zu wollen. Zum KonfiCup hat der Stand auf jeden Fall gut gepasst und auf jedem KonfiCup-T-Shirt, das die Teilnehmenden bekamen, war das Logo aufgedruckt. Besser als ein AOK-Logo ist das allemal. ELK_Illustration_DER_HERR_IST_MEIN_HIRTE_620x660px_NEU

Als die Kampagne losging, sah man überall riesige Plakatwände. An „Der Herr ist mein Hirte. Bin ich ein Schaf?“ werden sich viele Württemberger noch erinnern.

Dreh- und Angelpunkt der Kampagne ist die Internetseite mit einem Blog, wo man sich anmelden muss, damit man voten kann. Ich habe das damals gemacht, aber nur, weil ich dem oben erwähnten Projekt meine Stimme geben wollte. Und dann werden die sozialen Netzwerke bespielt:

Wer steckt dahinter und was kostet das alles?

Angeregt durch unser Gespräch beim KonfiCup habe ich gegoogelt und einiges an Hintergrundinformationen herausgefunden. Vor der Synode gab es im Juli 2015 einen ausführlichen Bericht über den Ideenwettbewerb, den man hier nachlesen kann. Verantwortlich für die Umsetzung sind eine ganze Reihe von Agenturen: Als Leitagentur Leonhardt und Kern, die auch den Kirchentag in Stuttgart als Kunden hatte: http://www.l-k.de/referenzen/evang-kirchentag-2015/ . Dann die Agentur Newswerk (http://www.newswerk.de/#kunden), die ebenso wie Schmittgall Tower 5 (http://www.tower5.de/#kunden) die Landeskirche zu ihren Kunden zählt. Außerdem im Boot Heidenreich & Partner (http://www.heidenreich-partner.de/).

Nett übrigens, dass man beim Googeln nach „Kirche macht was“ auch auf diese Seite stößt, wo man sehen kann, wer in der Kirche sonst so was macht: https://www.service.elk-wue.de/wer-macht-was.html

Ja, die Kosten … Professionelles Marketing hat seinen Preis, ob 1,50 Euro pro Kirchenmitglied für diese Kampagne viel oder wenig ist, muss jeder für sich entscheiden. Wie viel daraus insgesamt wird, kann man leicht ausrechnen: http://www.elk-wue.de/wir/unsere-kirche/zahlen-und-fakten/

Pro und Contra Kirchenmarketing

Vielleicht spürt man die zwei Herzen in meiner Brust. Ich versuche mal, beides zu ordnen:

Pro

  1. Kirche hat als Ganze ein Image und dieses kann natürlich durch Marketing positiv beeinflusst werden. Jeder Gemeindebrief ist eine Marketingmaßnahme und so muss auch die Kirche als prägende Institution auf sich aufmerksam machen.
  2. Wie viele Studien zeigen, leidet die Kirche unter einer Milieuverengung. Viele Menschen werden von den vertrauten Formen der Kommunikation des Evangeliums nicht mehr angesprochen. Neue Wege auszuprobieren ist wichtig und die Kirche muss sich das auch etwas kosten lassen.
  3. Der Online-Bereich gewinnt für Sinnkommunikation immer mehr an Bedeutung. Neben der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche wird es bald die virtuelle Kirche geben. Womöglich reicht es vielen Kirchenmitglieder, gelegentlich in einem Blog mitzulesen oder mitzuschreiben. Hoffentlich lassen sie sich dadurch auch dafür motivieren, wieder vor Ort ihre Fühler auszustrecken oder bis zur nächsten Leuchtturmkirche zu fahren.

Contra

  1. Die Kernbotschaft der Kirche, das Evangelium, dass Gott jeden Menschen liebt, ihn im Leben begleiten und stärken, seine Schuld vergeben und sein Handeln prägen will, sperrt sich gegen jedes Marketing. Es ist eine persönliche Botschaft, die von Mensch zu Mensch weitergegeben werden muss. Eine Botschaft, die durch das Wort Gottes in die Herzen kommt und nicht durch Slogans auf Plakaten.
  2. Deshalb sollte Kirche in Begegnungsmöglichkeiten und Menschen investieren, nicht in Hochglanzbroschüren und schicke Internetseiten.
  3. Gerade eine Kirche der Reformation sollte mit dem Geld sehr sensibel umgehen. Schon Martin Luther hat den Ablass auch deshalb kritisiert, weil das Geld für die Prachtentfaltung der Kirche ausgegeben werden sollte – Pilger-Marketing im 16. Jahrhundert. Er schlug vor, das Geld lieber den Armen zu geben. Natürlich war die Reformation andereseits dank des eben erst erfundenen Buchdrucks mit beweglichen Lettern auch eine Marketingbewegung. Ohne die rasante Verbreitung der 95 Thesen in gedruckter Form gäbe es wohl heute keine protestantische Kirche.

Mitmachen in Baden und Württemberg

csm_thema5_620_840_332b404bcfIch habe versucht, in diesem Beitrag meinen Prozess des Umdenkens darzulegen und ermutige sehr, eine Idee zum nächsten Wettbewerbsthema einzureichen: Nächstenliebe kennt keine Grenzen. Aber meine Haustür?  Bis zum 16. Juni kann man hier noch Themen einreichen und sich professionell bei der Umsetzung helfen lassen. Wer also schon immer mal einen Film drehen wollte oder eine Internetseite launchen könnte hier goldrichtig sein. Dafür kann man z. B. gut motivierte Ex-Konfis oder eine Jugendgruppe gewinnen, Projekte mit Flüchtlingen schreien
danach, eingereicht zu werden.

Mich hat die Kampagne auf jeden Fall inzwischen überzeugt. Während die letzte, die scheinbar noch weiterläuft (http://www.ich-glaub-schon.de), manchmal sehr statisch gewirkt hat und einige ihrer Slogans sogar unfreiwillig komisch oder schlicht sinnlos waren wie der zur Kirchenwahl – entweder habe ich die Wahl oder eben nicht -,
ist diese interaktiv und auf Beteiligung und Umsetzung guter Ideen ausgerichtet und vermeidet damit eine Gefahr, die es bePlakat-WirhabendieWahl-Webi der Kirche oft gibt: Der Back Channel fehlt.

Übrigens gibt es auch in Baden eine große Kampagne zum Reformationsjahr,
die interaktive Seite Glauben 2017 (http://www.glauben2017.de). Am dort ausgeschriebenen Videowettbewerb konnten anders als in Württemberg auch nichtbadische Gruppen teilnehmen (http://www.glauben2017.de/videowettbewerb-reformation-ist-fuer-mich/).

Video

Einen Blick hinter die Kulissen erlaubt das Video zur letzten Jurysitzung. Der erste erwähnte Beitrag stammt übrigens von einer ehemaligen Konfigruppe.

 

Diskussion

Über dieses Thema kann man lange diskutieren. Ich bin gespannt auf eure Meinung unten in den Kommentaren.

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Braucht unsere Kirche Marketing? Über einen Ideenwettbewerb in der württembergischen Landeskirche
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3 Gedanken zu „Braucht unsere Kirche Marketing? Über einen Ideenwettbewerb in der württembergischen Landeskirche

  • 19. Juni 2016 um 19:35
    Permalink

    Ich finde die Idee gut. Man kann nämlich nicht nicht kommunizieren. Das sagte schon Watzlawik in seinem Kommunikations Axiom. Tut man es nicht, verweigert man sich, bzw. wird auch so wahrgenommen. Ich finde die Idee hat Charme und darf sich gerne auch verbreitern, zumal der Gewinner ja nochmal bestätigt wird. Der kleine Wettbewerbsgedanke ist meines Erachtens zu vernachlässigen, damit können wir doch umgehen. Also, man darf gespannt sein, ob weitere Wettbewerbe folgen.

    Antworten
  • 12. April 2016 um 14:35
    Permalink

    Ja, die Begegnung von Mensch zu Mensch und die Weitergabe des Evangeliums über Menschen sowie die personale Ansprache müssen an erster Stelle stehen. Das soll auch so bleiben. Was viele aber nicht wissen: 85% der kirchlichen Finanzmittel werden in der Kirche ohnehin für Personal, also im Bereich Kommunikation von Mensch zu Mensch oder andere Einsätze von Menschen für Menschen eingesetzt. Gebäude und alle anderen Maßnahmen verbrauchen „nur“ knapp 15%! Trotzdem begegnet die Kirche und ihre Vertreterinnen und Vertreter nicht automatisch jedem. Es geht auch um Sichtbarkeit und Auffindbarkeit. Daher sind solche Maßnahmen wie der Ideenwettbewerb angesetzt worden. Er zeigt auch, was evangelisch ist. Nämlich die Beteiligung und Verantwortung aller („Priestertum aller Gläubigen“) – selbst in Veränderungsprozessen.

    Antworten
    • 12. April 2016 um 20:38
      Permalink

      In der Tat ist die Idee des Ideenwettbewerbs urprotestantisch. Veränderungen von unten zuzulassen und sie zu ermutigen und ihnen eine Umsetzungschance zu geben. Hoffentlich passiert noch viel in diese Richtung …

      Antworten

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