Andacht im Haus Birkach, 8.6.2016

Jedes Lebewesen muss sich an seine Umwelt anpassen, sonst stirbt es aus. Genauso verhält es sich, wenn sich die Umwelt so schnell verändert, dass man mit der Anpassung nicht mehr hinterherkommt. Nun leben wir in einer Zeit, in der sich die uns umgebende Welt rasend schnell verändert. So schnell, dass man gar nicht mehr weiß, ob man da Schritt halten kann.

Lohnt es sich überhaupt noch, den Führerschein zu machen, wenn es in zehn Jahren womöglich reicht, per Sprache einem autonom navigierenden Auto mitzuteilen, wohin man will. Lohnt es sich, einen Beruf zu lernen, von dem absehbar ist, dass es ihn so bald nicht mehr geben wird – Übersetzer zum Beispiel. Lohnt es sich Pfarrerin zu werden, wenn der Kirche die Gemeindeglieder in Scharen davonlaufen und die Institution Kirche immer unpopulärer wird?

Eine neue Sinus-Jugendstudie erklärt die heranwachsenden jungen Menschen zur „Generation Mainstream“ (die komplette Studie ist online nachzulesen: http://www.springer.com/de/book/9783658125325 vgl. http://www.wie-ticken-jugendliche.de). Dabei ist das gar nicht als Vorwurf zu verstehen. Mainstream zu sein ist angesagt. Wer ohne Not vom Durchschnitt abweicht kommt unter Rechtfertigungszwang. Es ist schon paradox oder vielleicht auch zwangsläufig: Je mehr Individualität möglich ist und auch faktisch gelebt wird, desto größer wird das Bedürfnis „normal“ zu sein. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt süffisant gesagt. Reicht es nicht, erst einmal das zu schaffen, was die Eltern erreicht haben – ein Haus, einen sicheren Job, wohlerzogene Kinder. Und dann ein schattiges Plätzchen auf dem Friedhof, gerne als Urne, das ist ja billiger. Das Haus muss nicht einmal am See sein, aber idyllisch darf es dort gern sein. (siehe den Song „Haus am See“ von Peter Fox) http://www.songtexte.com/songtext/peter-fox/haus-am-see-1bcc913c.html) Das Leben der Eltern wird von vielen so stark idealisiert, dass sie sich gar nicht mehr abgrenzen und auflehnen wollen.

Früher haben wir in der Kinderstunde gesungen „Sei ein lebendger Fisch – schwimme doch gegen den Strom“. Das ist das Gegenbild aus einem Lied, das nicht mehr so recht in unsere Zeit passt. Kann man die anderen einfach so mir nichts dir nichts als „tote Fische“ bezeichnen, nur weil sie ein anderes Lebenskonzept haben und in eine andere Richtung schwimmen?

Dabei gibt es bei Jesus viele Bilder, die davon reden, dass Christen sich vom Mainstream abheben: Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Christen sind wie eine Stadt auf dem Berg, nicht wie ein gesichtsloser Großsstadtmoloch.

Oder Paulus. Er schreibt an die Christen in der Weltstadt Rom:

Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes bitte ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung. Es soll wie ein lebendiges und heiliges Opfer sein, das ihm gefällt. Das wäre für euch die vernünftige Art, Gott zu dienen. Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was der Wille Gottes ist: Ob etwas gut ist, ob es Gott gefällt und ob es vollkommen ist.
Röm. 12 (Basisbibel)

Passt euch nicht dieser Zeit an. Passt euch nicht dieser Welt an. Seid etwas Besonderes. Habt andere Werte und Maßstäbe für das was gut ist. Orientiert euch am Willen Gottes, nicht an einer diffusen, sich ständig ändernden Mehrheitsmeinung, in die ich als Wind mein Fähnchen hängen muss.

Das klingt irgendwie elitär und ist es auch. Nach dem Vollkommenen sollen wir streben, nicht nach dem, was halbwegs passt.

Begeben wir uns damit nicht privat und gesellschaftlich ins Abseits? Das kann durchaus passieren. Oder es passiert genau das Gegenteil: dass im grauen Einerlei der „Sehe-ich-so-ähnlich-Überzeugungen“ klare Postionen aufleuchten, an denen andere sich orientieren können. Beim Umgang mit Flüchtlingen vertreten viele Christen und auch unsere Kirche eine solche klare Haltung: Jedes Menschenleben ist gleich viel wert, jedem Menschen in Not muss geholfen werden, so weit es in unserer Macht steht. Recht so und längst nicht Mainstream.

Wo spüre ich den Anpassungsdruck der Mehrheit? Wo gebe ich um des lieben Friedens willen nach, wo muss ich stattdessen auch standhaft bleiben. Denken wir darüber einen Moment in der Stille nach [Stille].

Als Ermutigung, immer wieder fröhlich vom Mainstream abzuweichen, zum Schluss ein Text von Wolf Biermann, der aus einer völlig anderen Zeit zu uns herüberkommt, aber trotzdem nichts von seiner Aktualität verloren hat:

Du, laß dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Vollständiger Text hier: http://www.songtexte.com/songtext/wolf-biermann/ermutigung-6bfa2656.html 

 

Realitätscheck

Wie erlebt ihr die junge Generation? Stimmt das Bild, das die Sinus-Studie zeichnet? Findet ihr die Entwicklung positiv oder bedenklich? Wie immer freue ich mich über Kommentare und weitere Anregungen zum Thema.

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Andacht zum Thema „voll Mainstream“
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