Das soziale Netzwerk Mastodon ist gerade ein ziemlicher Hype, während Twitter schon seit einiger Zeit schwächelt. Neue erfolgreiche Ideen gab es dort schon lang nicht mehr, dafür nerven gesponserte Posts und Hashtags. Eugen Rochko, ein 24-jähriger Programmierer aus Jena, hat jetzt ein neues soziales Netzwerk aus der Taufe gehoben, das seinem Traum von einem perfekten Twitter nahe kommt.
Ich habe es die letzten Tage ausprobiert und könnte mir durchaus vorstellen, dass das Konzept Zukunft hat. Und zwar aus folgenden Gründen:

Open Source

Die Software ist Open Source, jeder kann den Quellcode einsehen und, wenn man dazu in der Lage ist, sogar mitentwickeln. Hier sieht man, wie das geht: https://github.com/tootsuite/mastodon. Wer Wünsche hat oder Fehler melden will, kann sie hier in die Diskussion einmischen: https://github.com/tootsuite/mastodon/issues

Trau, schau wem

Mastodon hat keinen zentralen Server, sondern inzwischen mehr als 900 aktive Instanzen (siehe   https://social.lou.lt/@mastodonusercount). Der Hauptentwickler betreibt selbst eine Instanz, die ist aber seit einiger Zeit nicht mehr die größte. Eine umfangreiche informative Liste findet man hier: https://instances.mastodon.xyz/  Ich habe mich bei https://social.tchncs.de angemeldet und bisher gute Erfahrungen damit gemacht. Milan ist der Administrator (https://social.tchncs.de/@milan), er trägt die Verantwortung für diesen Server und legt – angelehnt an die Software-Vorgaben –  individuell die Regeln fest (https://social.tchncs.de/about/more). Rassismus und Sexismus sind nicht erlaubt und können für jeden Post gemeldet werden. Dieser dezentrale Ansatz bietet gute Chancen, dem überhandnehmenden Hass im Internet etwas entgegenzusetzen.

Durch dieses Prinzip werden mit der Zeit Biotope entstehen mit bestimmten Vorlieben für Sprache, Interessen, Humor und Nutzungsarten. Trotzdem ist man über eine Spalte der Standardansicht mit dem ganzen Mastodon-Netzwerk verbunden, kann jedem beliebigen Nutzer folgen und mit ihm interagieren.

Eine Vorschau auf das, was die Nutzer ein Plattform so tun und tooten, bekommt man hier:  http://www.unmung.com/mastoview Hier gibt es eine gepflegt Liste von Instanzen als erste Orientierung: https://github.com/tootsuite/documentation/blob/master/Using-Mastodon/List-of-Mastodon-instances.md. Hier eine Übersicht mit Qualitätsindikatoren: https://instances.mastodon.xyz/ 

Ein Recht auf Privatsphäre

Besonders gut gefallen mit die Einstellungen für die Privatsphäre. Man kann unterscheiden, ob alle mitlesen dürfen, nur Follower, nur erwähnte Personen oder ob die Nachricht nur an eine Person direkt geht. So lassen sich interne Gruppendiskussionen führen, die nicht jeder mitbekommt.

500 Zeichen sind (mehr als bei Twitter und) genug

Sehr praktisch ist die Erweiterung der Zeichenzahl auf 500. Viele Tweets muss man künstlich kürzen oder auf zwei Tweets aufteilen oder gar vom Text ein Bild machen. Das ist internetsteinzeitlich. Trotzdem ist die Beschränkung hilfreich und vermeidet das labern, das auf Facebook um sich greift. Für lange Texte gibt es schließlich andere Möglichkeiten, Blogs zum Beispiel 🙂 …

Keiner monetarisiert meine Daten

Die großen sozialen Netzwerke verfolgen eindeutig kommerzielle Interessen, wollen Werbung verkaufen und verkaufen im Hintergrund sogar Datenprofile, ohne dass wir als Nutzer das richtig mitbekommen und Kontrolle über unsere Daten hätten. Mastodon soll nach dem Willen seines Gründers dauerhaft werbefrei bleiben. Die Garantie dafür ist die Software, die frei verfügbar ist und auch von anderen weiterentwickelt werden kann, wenn der Gründer aussteigt.

Technisch interessant

Jeder Nutzer hat einen RSS- bzw. Atom-Feed, der so aussieht: https://social.tchncs.de/users/thebinger.atom und als Trigger für verschiedene Dienste wie https://ifttt.com/ verwendet werden kann. So kann man seine Toots, wie Posts bei Mastodon heißen, auch automatisch auf Twitter teilen. 

Um Toots in WordPress einzubinden, gibt es bisher zwei Plugins. Bei mir hat nur dieses funktioniert, das man leider noch manuell einbinden muss: https://github.com/ginsterbusch/mastodon-embed. Das andere kann man auch ausprobieren: https://de.wordpress.org/plugins/embed-mastodon/

Hier sieht man einen Beispieltoot, der diesen Artikel auf Mastodon ankündigt (den habe ich logischerweise nachträglich eingefügt):

Jetzt bin ich gespannt, wer sich ebenfalls in die neue Mastodon-Urwelt traut. Mich findet man auf jeden Fall hier: https://social.tchncs.de/@thebinger und auf Twitter immer noch hier: https://twitter.com/Thomas_Ebinger 

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Mastodon – zurück in die Zukunft sozialer Netzwerke
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3 Gedanken zu „Mastodon – zurück in die Zukunft sozialer Netzwerke

  • 20. April 2017 um 7:49
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    Danke für Deine ausführliche Recherche! Dein Post ist eine Referenz für Mastodon; kannst Du gleich so bei Wikipedia einstellen!
    Ich teile Deine Bewertung. Ich freue mich über die Aufbruchstimmung, die auf Mastodon herrscht, und über die Bereitschaft der user, Kontakte außerhalb ihrer filterbubble zu suchen und zu akzeptieren.
    Vor allem freuen mich die auf Twitter so verpönten mentions („früher“ ging das noch auf Twitter). Da entwickeln sich interessante threads.

    Antworten
  • 19. April 2017 um 21:03
    Permalink

    Bis heute habe ich nur beste Erfahrungen mit mastodon.
    Hoffentlich bleiben die Nutzern so aktiv wie Heutzutage.
    Danke!

    Antworten
    • 19. April 2017 um 23:36
      Permalink

      Ja, das hoffe ich auch! Mal sehen, ob aus dem Hype etwas wird, das bleibt.

      Antworten

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