Michael Blume, Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug, Patmos Verlag Ostfildern 2017, 19 Euro

Die Rezension erscheint demnächst in der württembergischen Pfarrer/innen-Zeitschrift „Für Arbeit und Besinnung“.

Der Islam gehört längst zu Deutschland und prägt auch die christliche Kultur und viele politische Debatten. Deshalb sollte es uns Pfarrer*innen interessieren, wenn eine Weltreligion in die Krise gerät – spüren wir doch Krisensymptome überdeutlich auch in den christlichen Kirchen. Dem promovierten Religionswissenschaftler Michael Blume ist ein nicht nur in den sozialen Netzwerken viel beachtetes Buch gelungen. Denn seine Kompetenzen speisen sich aus unterschiedlichen Quellen, weshalb ihm ein besonders farbenreiches Bild des gegenwärtigen Islam gelingt: Er ist nicht nur fachlich kompetent, sondern auch mit einer Muslima verheiratet, hat jahrelange Erfahrung im christlich-islamischen Dialog, ist Mitarbeiter im Staatsministerium Baden-Württemberg und war in diesem Zusammenhang 2016 dafür verantwortlich, 1100 jesidische Frauen aus dem Nordirak nach Deutschland zu bringen. Und nicht zuletzt ist er ein fleißiger Blogger, der seine Thesen längst einem Härtetest ausgesetzt hat, wie es nur wenige Wissenschaftler tun.

Die Hauptthese des Buches findet sich gleich im Titel: Der Islam ist in der Krise. Und diese Krise ist auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen. Denn Statistiken und die allgegenwärtigen Berichte über radikale Muslime zeigen scheinbar ein anderes Bild. Überzeugend zeigt Blume auf, dass die Zahl der Christen, die als Kirchenmitglieder einen finanziellen Beitrag für ihre Überzeugung zu leisten haben, nicht vergleichbar ist mit der Zahl der Muslime, unter denen es einen extrem geringen Organisationsgrad gibt. Viele ehemalige Muslime leben aus Angst vor Konsequenzen und Repressionen bis hin zur Todesstrafe (Takfir) in einem stillen Rückzug, neben religiösen Muslimen gibt es eine große Anzahl an „kulturellen Muslimen“, die sich längst nicht mehr an die strengen Verhaltensregeln des Islam halten. Und alle diese Kulturmuslime, egal ob sie überhaupt noch gläubig im Sinne des Islam sind oder nicht, zählen zur offiziellen Religionsstatistik in Deutschland.

Zwei Ursachen für diese Krise werden anschaulich erläutert: das lange geltende Verbot des Buchdrucks und der Fluch des Öls. Während diese Hintergründe Fachleuten vertraut sein dürften, sind vor allem die Erläuterungen zur Demografie religiöser Bevölkerungen spannend – wird doch oft genug behauptet, der Islam breite sich allein durch die höhere Geburtenrate seiner Gläubigen quasi von alleine überall dort immer weiter aus, wo er einmal Fuß gefasst hat. Tatsache ist jedenfalls (S. 129), dass „keine … nichtreligiöse Population bekannt [ist], die auch nur ein Jahrhundert lang wenigstens die sogenannte Bestandserhaltungsgrenze hätte halten können.“ Hier zeigt Blume schön auf, wie auch religiös geprägte Bevölkerungen in die Traditionalismusfalle laufen können, wenn es im Rahmen der Modernisierung einer Gesellschaft nicht gelingt neue Lebensformen von Familie und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen zu ermöglichen.

Es sei also kaum mehr zu leugnen, „dass der real gelebte Islam in einer zunehmend bedrohlichen Krise zwischen stillem Rückzug einerseits und fanatisch-verschörungsgläubiger Radikalisierung andererseits“ stecke (S. 141). Gegen die Krise können allerdings nicht nur die Muslime selbst etwas tun. Entschiedene Dekarbonisierung würde helfen, den Fluch des Öls zu bannen. Bewusste Einbeziehung islamischer Geschichte würde helfen, die Bildungsdefizite der islamischen Welt an der Wurzel zu packen.

Nicht überlesen sollte man auch den Appell an unsere württembergische Landeskirche (S. 153f): Ich gehöre selbst zu einer evangelischen Landeskirche, die es sich imi jahrzentelangen Schrumpfungsprozess allzu behaglich eingerichtet hat und gerade auch demografische Fragen leider noch immer kaum bedenkt, erforscht und diskutiert. Für sie gilt ebenso wie für muslimische Traditionen: Verdrängen verschärft den Niedergang nur, bis er zur Krise wird.“

Fazit: Ein erfahrungs- und informationsgesättigtes Buch, das zur Pflichtlektüre für alle gehört, die sich aktuell mit Religion und interreligiösen Fragestellungen beschäftigen.

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Rezension „Islam in der Krise“
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