Die Andacht wurde gehalten im Haus Birkach am 13.12.2017.

Wer kennt diese Frage nicht: „Was willst du eigentlich mal werden?“ Und wen nervt sie nicht. Und selbst wenn man schon „etwas geworden“ ist und einen Job hat, geht die Fragerei weiter: „Was willst du eigentlich als Nächstes machen?“  Oder in der Sprache eines Coachs: „Wo siehst du dich in 5 Jahren?“ Als ob ich das heute schon wüsste.

(Songtext hier https://genius.com/Lina-maly-wachsen-lyrics)

„Alle fragen, was will ich werden? Niemand fragt mich, wer ich bin“, singt Lina Maly, die Sängerin aus einem Dorf bei Hamburg (https://inklupedia.de/wiki/Lina_Maly), die schon mit 6 Jahren Klavierunterricht bekam. „Wer bin ich, wer will ich werden“, das ist nicht nur eine Frage für Heran-Wachsende. Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er sich auf die Zukunft hin entwirft. Das haben Existentialisten wie Jean-Paul Sartre klar erkannt und benannt. Wer einfach nur ist, ist tot. Wer lebt, entwickelt sich weiter, hat Pläne, will morgen ein anderer sein als heute und sich trotzdem selbst treu bleiben.

Identität ist in der heutigen Zeit zum Dauerbrenner geworden. Je mehr Möglichkeiten es gibt, je mehr Freiheiten wir haben, desto stärker stehen wir unter Druck, etwas aus uns zu machen. Erfolgreiche Vorbilder für jede Altersgruppe sind ja nur einen Mausklick weit entfernt. Manchmal sind die Youtube-Stars sogar in der gleichen Klasse, zumindest die, die immer mehr Likes und Herzen kriegen als die anderen, weil sie cool rüberkommen, hübscher sind, intelligenter, weniger Mainstream.

Ein Text von Dietrich Bonhoeffer

Dass die Frage nach der Identität keine ist, die nur für junge Menschen eine Rolle spielt, zeigt das berühmte Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, das er im Gefängnis geschrieben hat. Er war damals ein reifer und reflektierter Mann mit viel Lebenserfahrung und Kampfgeist, einer der wenigen, die vorbildlich gegen die Unfreiheit und die Diktatur der Nazi gekämpft hat. Er fragt sich:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

Linda Maly weiß: „Irgendwann blüh‘ ich schon auf, irgendwann blüht alles auf.“ Sie träumt von einem Ende der Gedeihstörung, vom Ausgewachsensein. Ich glaube, diese Hoffnung ist berechtigt. Und es ist eine Hoffnung, die mit Gott zu tun hat. Weil er uns geschaffen hat und wollte, dass wir so sind, wie wir sind, müssen wir nicht erst einen Idealzustand erreichen. Mit allem Vorläufigen und Unvollkommenem sind wir bei ihm als dem großen Gärtner und Menschenliebhaber gut aufgehoben. In seinem Garten gibt es keine nutzlosen Pflanzen, jeder hat seinen Platz und ist ein Teil des großen Ensembles. Er lässt seine Sonne scheinen über jedes Gewächs, auch über uns, auch heute.

Gebet

Herr, unser Gott, du Menschenfreund. Danke, dass du jeden von uns einmalig gemacht hast. Jeder ist begabt und individuell auf seine je besondere Art. Lass uns das  nie vergessen. Lass uns andere so behandeln, mit Respekt und Würde. Gib uns Achtung für jedes deiner Geschöpfe.

Wir bitten dich für diesen Tag: Begleite und behüte uns, lass uns lernen und wachsen, zeige uns aber auch die Grenzen des Wachstums und die Zeiten und Orte, wo wir innehalten müssen und einfach das Leben genießen und feiern.

Sei du jetzt bei uns mit deinem Segen.

Amen

Hintergrund

Der Song ist mir begegnet auf der Doppel-CD „Von der Freiheit“, die für das Reformations-Festival in Württemberg produziert wurde (https://musicheadquarter.de/cds/sampler-von-freiheit-name-programm/). Auch und gerade weil Freiheit heute für uns selbstverständlich scheint, ist sie bedroht, politisch und individuell. Es braucht weiter Kämpfer*innen für die Freiheit, sonst wird sie uns Scheibchen für Scheibchen genommen.

Übrigens ebenfalls empfehlenswert ist der Song „Schön genug“ von Lina Maly, der auf Youtube sehr erfolgreich ist.

 

 

 

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Lied-Andacht zum Song „Wachsen“ von Lina Maly
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