Schriftlesung: Lk. 22,24-34, Lied 203,1-4 Verraten, verspottet

Karwoche. Eine dunkle Woche. Die Woche der Prüfung und Bewährung für Jesus. Wird er den Weg bis zu Ende gehen? Und wer wird mit ihm gehen, ihm beistehen? Petrus, Jakobus und Johannes schlafen ein, als Jesus im Gebet darum ringt, ob er den Weg des Leidens tatsächlich gehen will. Oder ausweichen.

Die engsten Freunde Jesu, seine Jünger, sind vorbereitet, dreimal hat er ihnen sein Leiden angekündigt. Werden sie ihm beistehen? Jeder will der größte sein, wenn es darum geht, auf einem Thron zu sitzen und Gericht zu halten über die zwölf Stämme Israels. Und Petrus, der vorlaute Oberjünger? „Herr! Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis zu gehen – ja, sogar mit dir zu sterben!“ Ja, er hält lange durch – und wird dann – wie von Jesus vorhergesagt – doch schwach.

Wir lesen in Lk. 22: Lk. 22,54 Sie ergriffen ihn (Jesus) aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. 55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. 56 Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. 57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht. 59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. 60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. 61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Der Hahn hat es auf viele Kirchen geschafft. Als Wetterhahn, als Mahnung. Auch wir haben einen an der Kirche, als Türgriff an der rechten Kirchentür.

Der Künstler Ulrich Henn, der eine Zeit lang in Kemnat gewohnt hat, hat das wunderbar gestaltet. Oben der Hahn, unten, sich wegduckend, der bitterlich weinende Petrus.

Der Hahn macht, was er immer macht. Ab drei Uhr in der Nacht kündigt er zuverlässig an, dass die Nacht bald vorbei sein wird. Es ist spät, sehr spät. Vielleicht ist Petrus auch deshalb schwach geworden? Wieder einmal hat er gegen den Schlaf gekämpft und verloren. Diesmal, obwohl er noch wach war. Die Römer nannten die Zeit von 3 Uhr nach Mitternacht bis um 6 Uhr morgens „gallicinium“ – Hahnen-Schrei-Zeit. Wer einen Bauernhof in der Nähe hat, kennt das noch: Jeden Morgen kräht der Hahn – und erinnert damit indirekt an Jesus.

Und Petrus weint bitterlich. War sein Versagen vorprogrammiert? Weiß nicht auch ich oft genug, was über meine Kräfte geht? Ich begebe mich in Gefahr und komme darin um?

Kann ich heute noch zu Jesus stehen, wo Jesu Leiden, Tod und Auferstehung immer mehr hinterfragt wird? Muss ich Jesus verteidigen und die Kirche retten oder überfordere ich mich damit?

Spulen wir die Szene ein paar Momente zurück. Ich liebe den Barockmaler Caravaggio. Wie kein anderer versteht er es, Hell und Dunkel zu kombinieren und Menschen zu malen, die authentisch wirken und voller Ausdruck sind.

Eines seiner letzten Bilder, das heute in New York im Metropolitan Museum zu sehen ist, handelt von der Verleugnung des Petrus.

Es ist knapp einen Meter mal 1,25 groß. Caravaggio war schon ziemlich auf die schiefe Bahn geraten, als er es malte. Er war in Rom an einer gewalttätigen Auseinandersetzung beteiligt gewesen, hatt mit einem Schwerthieb den Sohn des Kommandanten der Engelsburg so schwer verletzt, dass dieser kurz darauf starb und er wurde als Strafe aus Rom verbannt, jeder durfte ihn straffrei töten. Ab da war er, obwohl er weiterhin als berühmter Maler galt und auch weiter malte, auf der Flucht.

Vielleicht hat er sich in diesem Bild sogar bewusst mit Petrus identifiziert, mit dem der alles richtig machen wollte und dann doch im entscheidenden Moment versagt hat.

Drei Figuren sind zu sehen: Neben Petrus die Magd, die ihn auf Jesus anspricht und ein Soldat als Vertreter der Staatsgewalt. Wenn der Petrus als Jesus-Anhänger identifiziert, wird es für ihn lebensgefährlich.

Spannend wie die Figuren vom unsichtbaren Hoffeuer beleuchtet sind, je nachdem, wie viel sie von Jesus wissen. Ein paar Funken fliegen noch durch die Gegend. Petrus kennt Jesus, die Magd weiß so halb, wer Jesus ist und wer zu ihm gehört. Der Soldat tappt noch im Dunkeln. Die Magd versucht ihn aufzuklären, fast flüsternd als wäre es ein großes Geheimnis.

Und dann sind da die Finger. Drei spitze Zeigefinger deuten auf Petrus. Zwei Hände der Magd und der gefährliche Finger des Soldaten. „Man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute“, habe ich als Kind öfter gehört. Aber wir können das gut, andere anschwärzen. Schließlich stehe ich dann selbst in besserem Licht da.

Der Satan siebt den Weizen. Wer bleibt treu angesichts dieser spitzen Spießruten-Finger? Bleibe ich treu, wenn es um alles oder nichts geht?

Was wäre Petrus wohl passiert, wenn er sich klar zu Jesus bekannt hätte? Vermutlich wäre er an seiner Seite gekreuzigt worden wie die zwei Schächer. Die Römer verstanden bei Rädelsführern von Aufständen wenig Spaß. Später hat Petrus sich zu Jesus bekannt. Nach der Überlieferung wurde er in Rom gekreuzigt, allerdings mit dem Kopf nach unten, weil er sagte er sei nicht würdig, auf die gleiche Weise wie Jesus zu sterben. Es gibt das Jesus- und das Petruskreuz.

Als Jesus der Prozess gemacht wurde, war er noch nicht so weit. Seine Hände sagen deutlich: Was, ich doch nicht! Ich habe mit diesem Jesus nichts zu tun.

Und mit seinem Blick weicht er dem prüfenden Blick des Soldaten aus, gleichzeitig niedergeschlagen und schuldbewusst. Was ihm wohl durch den Kopf geht?

Ist es pure, rasende Angst? Oder denkt er an das, was Jesus ihm auf den Kopf zugesagt hat, als er großspurig behauptete: Ich werde bis zum Schluss dabei bleiben?

Petrus. Im Verteidigungsmodus. Im Rückwärtsgang. Mit gelbem Tuch umhüllt, der Farbe des Verräters, mit der auch Judas dargestellt wird.

Und ich? Wie weit wage ich mich vor, wenn es darum geht, bei Jesus zu bleiben. Wie leicht lasse ich mich in die Ecke treiben, bis ich leugne und schließlich verstumme?

Nachfolge ist Nachfolge im Leiden. Das hat Jesus vorgelebt und klar gesagt. „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ (Mt. 16,24)

Folge ich ihm also wirklich, wenn ich nur darauf schiele, dass es mir durch den Glauben besser geht? Es kann mir viel abfordern, wenn ich mich zu Jesus bekenne. Nicht nur, weil Jesus von den Menschen an den Rand und aus dem Leben gedrängt wurde. Auch weil Jesus uns in seinen geringsten Schwestern und Brüdern begegnet. Weil mich der Einsatz für seine Sache in gefährliche Situationen bringen kann.

Petrus hat seine Lektion gelernt, er wurde – auch durch die Erfahrung des Versagens – zu dem Fels, auf den später die Urgemeinde gebaut wurde. Ostern wurde für ihn ein Neuanfang. Und das gilt auch für uns: Jesus lässt die nicht fallen, die ihn verleugnen, weil sie sich selbst überschätzen. Ostern kann auch für uns zu einem Neuanfang werden. Eine gesegnete Karwoche! Amen.

Quellen für die Bildinterpretation und Bilder:

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Denial_of_Saint_Peter_(Caravaggio)

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/437986 https://www.kellybagdanov.com/2025/01/24/caravaggio-the-denial-of-peter/

Türgriff an der Bartholomäuskirche Kemnat von Ulrich Henn: Foto Thomas Ebinger

https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Henn

https://www.ulrichhenn.de/wV.htm Offizielle Seite mit Werkverzeichnis

Gebet

Jesus, du forderst uns heraus, dich nicht allein zu lassen im Leiden. Du forderst uns heraus, dass wir uns mutig zu dir bekennen, auch in Gefahr und Verfolgung, wenn es uns Nachteile bringt. Du sendest uns zu denen, die in Not sind und Hilfe brauchen.

Wir bitten dich: Lass uns wachsam durchs Leben gehen, mit erhobenem Blick. Mutig und unverzagt, weil du stärker bist als alles Böse und Lebensfeindliche. Deine Liebe ist stärker als der Tod, das hast du bewiesen als du auferstanden bist. Lass uns mit dieser Auferstehungshoffnung im Herzen leben und dir nachfolgen. Amen.

Service

Alle Bilder herunterladen: Passionsandacht-2026

Passionsandacht zur Verleugnung des Petrus mit Plastik von Ulrich Henn und Bild von Caravaggio
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