Ab und zu gestalte ich zusammen mit einem Team in der Ruiter Kirchengemeinde einen sog. „Welcome-Gottesdienst“. Er soll bewusst andere Akzente setzen und weicht von der Perikopenordnung ab, die für jeden Sonntag einen festen Predigttext vorsieht. Die Katastrophen mögen sich wandeln, aber das Thema wird uns sicher erhalten bleiben in einer Welt, die immer enger zusammenrückt. Gerne dürfen die Ideen und Materialien auch für andere Gottesdienste oder Andachten verwendet werden.

Begrüßung

Liebe Welcome-Gemeinde,
für heute haben wir uns ein Thema vorgenommen … Als Ferienjobber habe ich diesen Bürospruch kennen gelernt: „Aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer …!“
Es gibt diese Katastrophen, die nicht einfach wegzulächeln, mit einem flotten Spruch wegzuwischen sind. Wir haben alle schon von solchen gehört. Aus dem Fernsehen fast täglich, aus dem Kreis der Verwandten und Freunde. Und manche haben auch selbst schon das erlebt, was man „eine echte Katastrophe“ nennt.
Wir verdrängen das ja gern, dass es auch uns treffen könnte. Dass ein so rauer Wind bläst, der uns nicht nur kräftig zerfleddert, sondern regelrecht entwurzelt.
Unsere Vorgänger im Glauben wussten davon noch mehr zu sagen und zu singen. Mit vier Jahren starb der Vater von Philipp Spitta. Mit 11 Jahren erkrankte er so schwer an einer tuberkuloseartigen Drüsenkrankheit, dass er vier Jahre lang nicht am Unterricht teilnehmen konnte. Aus dem ersehnten Studium wurde erst einmal nichts, er sollte Uhrmacher lernen. Erst als sein jüngerer Bruder, der Theologie studieren sollte, ertrank, durfte er an seiner Stelle Theologie studieren und wurde schließlich Pfarrer. Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben, so dichtete er erfahrungsgesättigt. Wir singen das Eingangslied: EG 374,1-4 Ich steh in meines Herren Hand.

Schriftlesung und Predigttext

Hiob 1,6-22 (Bibelserver.com)

Aktion: Zerplatzt wie ein Luftballon

Bei „peng“ wird ein Luftballon zum Platzen gebracht, auf dem mit Edding das jeweilige Thema steht. Wir haben ausgewählt und nur vier Themen angesprochen.

1. Beruf (sträume)
Es lief alles wie am Schnürchen, Abitur, Studium, Beruf. Ich war begeistert dabei, ich war beliebt, habe gutes Geld verdient, sehr gutes sogar. Ich habe mir meine Position hart erarbeitet, war immer da, immer bereit. Ich war Ansprechpartner für viele…- Bis ich nicht mehr konnte….[Peng] –  schlaflose Nächte….Ich wurde immer müder und unkonzentrierter…. nichts ging mehr.
Diagnose Burn Out. Jetzt sitze ich ausgepowert zu Hause. Einen Wiedereinstieg traue ich mir nicht zu. Nicht in diese Position. Keiner will mehr etwas von mir.  Eine große Leere, die extrem weh tut.

2. Liebesbeziehung
Irgendwann war klar: Wir lieben einander, ein Kuss, ohne Worte, der Beginn eines Sommermärchens. Es war wie im siebten Himmel. Wir bauten Luftschlösser und schmiedeten Zukunftspläne. Aber dann [peng], Luftballon wird zum Platzen gebracht] war alles genauso schnell wieder vorbei. “Ich liebe dich nicht mehr, es ist vorbei, bye bye Julimond.” Eine Whatsapp-Nachricht aus heiterem Himmel. Bis heute weiß ich nicht genau, was los war. Nur, dass es unendlich weh getan hat.

3. Gesundheit
Meist ging es mir gut, stark nach innen, stark nach außen. Beim Sport machte mir niemand so schnell etwas vor, war immer unter den ersten. War aktiv, hab viel unternommen…..war zufrieden und glücklich….Und dann, dieser eine Moment…der  Autofahrer…Peng-. warum musste dieser Chaot so schnell fahren und mir auch noch die Vorfahrt nehmen. Und jetzt liege ich im Krankenhaus und hoffe, das die Ärzte mich wieder gut zusammenflicken. Aber ob es je wieder so wird wie früher, ob ich je wieder unter den ersten bin…..

4. Wohlstand
Ja mir geht es gut, kann mir etwas leisten, kenne mich gut aus in Aktien, habe da ein Händchen dafür, aber auch in Immobilien, da macht mir niemand was vor. Ich habe es drauf, meine Autos, meine Vans … Nur das Beste kommt in meine Garage.  [peng]
[Hält Hand wie ein Handy ans Ohr, spricht im Telegrammstil] : Was, die Kurse sind abgestürzt? — Alle Papiere nichts mehr wert? — Wie, die Villa verkaufen? — ach, aber, aber das kann doch nicht sein!? — Ganz sicher? — [entgeistert ] alles futsch?  — [nimmt “Handy” vom Ohr] ich bin am Ende.

5. Glaube
Als ich vor ein paar Monaten zum Glauben gefunden hatte, war alles gut. Gott liebt mich, ist immer für mich da. Ihm kann ich alles sagen. Es gab eine neue Grundlage und eine neue Perspektive für mein Leben. Ich war mit Begeisterung in der Gemeinde dabei, habe mich gefreut an der Gemeinschaft .Aber seit einigen Wochen ist alles anders. [Peng] – Mein Glaube ist wie weggepustet. Meine Gebete kommen nur noch bis zur Zimmerdecke. Ich spüre Gott nicht mehr und bin mir nicht mehr sicher ob es ihn überhaupt gibt. Plötzlich nur noch Fragen und Zweifel.

6. Leben/Tod
Das Leben ist so schön! Besonders jetzt im Frühjahr wenn alles blüht und die Kinder wieder auf der Straße spielen und lachen – vor allem unser süßes Nachbarskind. Wenn das draußen spielt und sich freut muss man sich einfach mit freuen. [peng] Habe gerade mit unserem Nachbarn gesprochen. Bei seinem kleinen Sohn wurde eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Ein paar Monate geben ihm die Ärzte noch. Ich kann es nicht fassen!

Predigt über Hiob 1 und Ps. 73,23

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Liebe Welcome-Gemeinde,
es hat eine Weile gedauert, bis wir als Team auf das Thema kamen, aber dann sprudelten die Ideen. Katastrophe. Echte Katastrophen. Wir haben ein paar davon inszeniert.
Was ist eine Katastrophe? im antiken Drama (vgl. Aristoteles, Poetik) gehört sie fest zum Drama. Meist im dritten von fünf Akten gibt es eine Katastrophe, eine Peripetie. Alles wendet sich. Und das ist auch die wörtliche Bedeutung von Kata-Strophe: einee Umwendung, Herabwendung, die Lebenskurve geht senkrecht nach unten. Katastrophen sind dramatisch.
Auch im Fernsehen sieht man sie ständig. Wir können sie wegschieben von uns. Ohne Medien wüssten wir gar nichts davon. Wir könnten sie ausblenden aus unserem Leben. Aber so einfach ist das nicht. Es ist unsere eine Welt, die wir von Gott als gemeinsamen Lebensraum bekommen haben. Einfach wegducken, Augen und Ohren zuhalten, das geht nicht mehr.
Was allein seit Anfang dieses Jahres an Hauptnachrichten auf uns eingprasselt ist, nicht mal ein halbes Jahr:
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Der Terroranschlag in Paris auf die Zeitschrift Charlie Hebdo.
2015-05-17_präsentation_welcome_katastrophe03
Der Dauerkonflikt in der Ukraine, der uns so nahe rückt, dass sich die Frage stellt, ob die NATO nicht eingreifen müsste und ob die Bundeswehr für solche Konflikte richtig ausgerüstet ist.
2015-05-17_präsentation_welcome_katastrophe04
Die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer.
2015-05-17_präsentation_welcome_katastrophe05
Der vom Copiloten bewusst herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen mit 150 Menschen an Bord.
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Das Erdbeben in Nepal. 8400 Opfer.

 

Will man diese Bilder sehen? – Nein man will es nicht. „Bad news is good news“, sagen zwar die Journalisten. Aber irgendwann reicht es. Innerlich zappt man weg, manchmal sogar mit der Fernbedienung. Das Glas des Fernsehers ist merkwürdig doppeldeutig. Wir kommen ganz nah dran an große Katastrophen, unendliches menschliches Leid. Und doch erlaubt es uns die Fiktion, uns würde es nichts angehen. Wie bei einem Aquarium sind wir ja nicht im Wasser, sondern haben unser Schäfchen im Trockenen.
Wir wollen heute einmal nicht wegzappen von den Katastrophen, sondern weiterschauen, nach Antworten suchen.

Hiob – ein Leben mit Katastrophen

Im Jakobusbrief (5,10-11 BB) werden wir ermahnt:
„Denkt an die Propheten, die ihre Botschaft im Namen des Herrn verkündet haben: Sie sollen euer Vorbild darin sein, Leid zu ertragen und euch in Geduld zu üben. Seht doch, wir preisen diejenigen glückselig, die standhaft geblieben sind!
Ihr habt gehört, wie standhaft Ijob war. Und ihr habt gesehen, wie Gott es bei ihm zu einem guten Ende gebracht hat. Denn der Herr ist voller Mitleid und Barmherzigkeit.“
Also denken wir an Hiob, den Leidenden der Bibel schlechthin, und suchen mit ihm Antworten.

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Die Katastrophen, die ihn treffen nehmen ihm alles, was das Leben lebenswert macht: Die Familie, das Geld, später auch noch seine Gesundheit. Hiob – eine zerstörte Existenz. Schlimmer kann es einen Menschen nicht treffen.
Das Leben eines Menschen, den eine Katastrophe wird herausgerissen aus der Selbstverständlichkeit des Alltags. Es wird zu einer einzigen Frage. Wie der Name Hiobs. Dieser Name – das war mir neu – bedeutet nämlich: „Wo ist mein Vater?“. Gemeint ist Gott. Gott, wo bist Du. Gibt es Dich? Versteckst Du Dich? Bist Du noch mein Vater, der es gut mit mir meint. Der Vater, zu dem wir im Vater unser beten. Der Vater, der alles tut, um Leid von seinem Kind abzuwenden.
Im Hebräischen klingt bei Hiob außerdem noch das Wort „Feind“ an. Ijow – Ojew. Auch das eine Frage: Kann Gott einem Menschen Böses wollen wie einem Feind?
Gott kann sich verbergen und zurückziehen. Und besonders spürbar wird das, wenn uns Schicksalsschläge treffen.
Wenn der Job plötzlich weg ist, eine Beziehung in Trümmern liegt oder ein Kind sterbenskrank. Jeder von uns hat so etwas im Kleinen schon erlebt. Wehe, wenn es uns hart trifft. Können wir dann noch an Gott festhalten, hält er uns dann fest?
Martin Luther hat sich viel mit diesem „verborgenen Gott“ beschäftigt: [[V.a. in De servo arbitrio http://de.wikipedia.org/wiki/Deus_absconditus]]

2015-05-17_präsentation_welcome_katastrophe08Gerade wenn wir glauben, dass Gott in seiner Schöpfung wirkt und das Gute will, kommt es zu Zweifeln und Anfechtungen. Jes. 45,15 formuliert das so: „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“ Diese Erfahrung gehört zum Glauben. Besonders, wenn unser Glaube wie bei Hiob geprüft und auf die Probe gestellt wird. Dabei ist die Kategorie „Prüfung“ schon ein erster Versuch, der Erfahrung der Sinnlosigkeit einen Sinn zu geben. Manchmal bleibt nicht viel mehr als die Gewissheit, dass Gott weiter da ist, auch wenn er sich verbirgt und es rätselhaft ist, was er tut oder nicht tut.
2015-05-17_präsentation_welcome_katastrophe09Tröstlich in Zeiten der Katastrophe ist das, was Gott zu Satan sagt (Hiob 1,12): „Alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.“
Das heißt doch: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was wir besitzen, und dem, was wir sind. Zu oft machen wir uns an Äußerlichkeiten fest. Übersehen, dass ein sinnvolles Leben ganz unterschiedlich aussehen kann.
Auf jeden Fall gilt: Keine Katastrophe – und sei sie noch so schlimm – hat die Macht, mein Innerstes zu zerstören, meinen Personkern, meine Existenz! Es geht mit mir weiter, wenn auch vielleicht anders als ich gedacht hätte. Zuletzt bin ich immer in Gottes Hand und nicht in der Hand der Zufalls- und Chaosmächte.

Hiob hält an diesem Gott fest. Anders als seine Freunde, die schnelle, rationale Erklärungen wollen. Anders als seine Frau, die ihn dazu bringen will, Gott abzuschwören. „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen; der Name des Herrn sei gelobt.“ (Hi. 1,21) kann er sagen. Und dann rechtet er mit Gott, richtet seine Anklagen auf ihn, aber er lässt ihn nicht los.
Bis Gott selbst ihm aus dem Wettersturm antwortet (Kp. 38-42). Jetzt stellt Gott die Fragen und zeigt ihm die Begrenztheit seines Verstands: Hiob 38,34ff Kannst du deine Stimme zu der Wolke erheben, damit dich die Menge des Wassers überströme? Kannst du die Blitze aussenden, dass sie hinfahren und sprechen zu dir: »Hier sind wir«? Wer gibt die Weisheit in das Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken? Wer ist so weise, dass er die Wolken zählen könnte?
Tatsächlich: Es gibt keine menschliche Antwort auf all diese Fragen. Es gibt auf die Frage, die in jeder Katastrophe steckt, nicht immer eine Antwort. Es gibt längst nicht immer einen guten Ausgang wie bei Hiob, der wieder Reichtum und Kinder bekommt und alt und lebenssatt sterben darf. Manches Leben endet mit der Katastrophe. Juden drücken das auf dem Friedhof aus, indem sie eine abgebrochene Säule auf das Grab stellen.

2015-05-17_präsentation_welcome_katastrophe10Aber im Leid, in der Katastrophe ist eine Erfahrung möglich, die Hiob mit vielen Gläubigen teilt. Im Leid ist eine tiefe Gotteserfahrung möglich. Im Leid können wir durch all die Tränen hindurch Gott selbst sehen. Hiob gibt im letzten Kapitel des Hiobbuches zu (42,5): „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“

Hiob hält trotz allem an Gott fest. Trotzig – trotz allem. Das ist das große Dennoch des Glaubens, das Psalm 73 klassisch formuliert hat.
Ps. 73,23f „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“
Dennoch. Den Katastrophen sei es ins Gesicht gesagt. Fürchtet Euch nicht. Ich bin dennoch bei Euch, sagt Gott. Trotz allem: halten wir an Gott fest, denn er hält uns. Amen

Anschließend konnte man persönliche und allgemeine Gebetsanliegen an ein Kreuz bringen und dort „anheften“. Aus diesen wurden vom Team einzelne ausgewählt und beim Fürbittengebet eingebracht. Als Erinnerung bekam jeder am Ausgang einen übergroßen Reißnagel mit dem Aufdruck „Dennoch!“. Wir vom Team haben uns sehr über die positiven Resonanz auf diesen Gottesdienst gefreut. 

Liturgie

Hier noch die ganze Liturgie mit allen Liedern:

Glocken
Vorspiel (Orgel)
Freie Begrüßung und Votum
Eingangslied: EG 374,1-4 Ich steh in meines Herren Hand (Orgel)
Gebet und stilles Gebet
Herr, ich komme zu dir
Sandyland / Bau nicht dein Haus (im Kanon)
Psalmgebet: Ps. 30 / EG 715 mit Ehr sei dem Vater
Schriftlesung: Hiob 1,6-22
Lied: Fear not for I am with you
Aktion: Zerplatzt wie ein Luftballon
Predigt über Hiob / Ps. 73,23
Gebetsanliegen ans Kreuz bringen
Lied: Blessed be your name
Fürbittengebet (je 2-3 Anliegen von Zetteln, nach „Herr, wir rufen zu dir“ Lied 1x EG 178.11 Herr, erbarme dich)
Vater unser
Abkündigungen
Segenslied EG 398,1-2 In dir ist Freude in allem Leide
Segen mit dreifachem Amen
Nachspiel

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Eine echte Katastrophe!? – ein Gottesdienst zu diesem aktuellen Thema
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