„Papa, ich muss als Hausaufgabe den Wahl-O-Mat machen. Wir machen nächste Woche Bundestagswahl.“ So kam mein Sechstklässler-Sohn zu mir. „Was? Du den Wahl-O-Mat? Das verstehst Du doch gar nicht“, war meine erste Reaktion. Und tatsächlich musste ich ihm einige Dinge erst einmal erklären.

Zum ersten Mal bin ich dadurch konkret auf eine Aktion aufmerksam geworden, die noch viel mehr Öffentlichkeit verdient hätte. Seit 1996, also seit über 20 Jahren, wird jeweils 9 Tage vor einer großen Wahl eine Stimmabgabe für Minderjährige organisiert (siehe http://www.u18.org). Die Stimmzettel (Muster hier http://www.u18.org/fileadmin/user_upload/U18_Bund_2017/Stimmzettel/U18_Stimmzettel_Baden-Wuerttemberg_BTW2017.pdf) sehen überraschend echt aus, die Ergebnisse werden sauber ausgezählt und von den beteiligten Jugendverbänden bekanntgegeben. Eine ziemlich coole Sache, wie ich finde. Wenn es das nicht gäbe, müsste man es erfinden.

Wann ist man alt genug, wann zu alt?

Manchmal denke ich, Jugendliche sollten tatsächlich viel früher politisches Gewicht bekommen. Zwar wird unsere Welt immer komplexer, aber man kann sich auch viel besser informieren als früher. Und Ü80-Wahlen gibt es schließlich auch und die Stimmen zählen sogar. Wie oft da nicht die Person selbst wählt, sondern jemand anderes den Kuli führt, will ich gar nicht so genau wissen. Wie kann ich überprüfen, ob jemand, der einen gehbehinderten Senioren zur Wahl fährt auf der Fahrt noch Einfluss nimmt? Wie ist das mit Demenzerkrankten? (lesenswert dazu:  https://www.freitag.de/autoren/mistermanta/sollten-alte-menschen-waehlen-duerfen) Vorsichtshalber gebe ich meinen Eltern immer Wahltipps, die haben mich ja früher auch beraten.

In einer alternden Gesellschaft, Stichwort Methusalem-Komplott, müsste man dringend etwas dafür tun, dass die, die noch lange in einem Land und auf einem bedrohten Globus zu leben haben auch ausreichend Einfluss nehmen können. Den Brexit und Donald Trump hätten junge Wähler wohl verhindert, wenn man ihre Stimmen überproportional gewichtet hätte. Vermutlich auch, wenn man Minderjährige hätte wählen lassen.

Spannend finde ich auch die Idee eines Familienwahlrechts, bei dem Eltern stellvertretend für ihre Kinder abstimmen dürfen (https://de.wikipedia.org/wiki/Familienwahlrecht).

Vorbildliche Kirche – wählen ab 14

Dass gerade die Kirchen einmal zum Vorreiter in Sachen Demokratie werden sollten, hätte man lange Zeit nicht gedacht. Beim Wahlrecht kennen sie aber keine Angst vor jugendliche Interessen. In vielen Landeskirchen wie z. B. Württemberg (siehe Wahlordnung §2 https://www.kirchenrecht-wuerttemberg.de/document/17152/search/wahlordnung#s7020004)  darf man inzwischen bei den Kirchenwahlen ab 14 Jahren wählen. Den Mut, den Konfirmationstermin zu nehmen, hatte man übrigens nicht, dann wären manche nämlich noch deutlich jünger. Für die Kirchenwahl 2013 habe ich zusammen mit Rainer Kalter und Gerhard Ziener ein Material erstellt, das Konfis auf die Wahl vorbereitet und sie zur Teilnahme motiviert. Hier kann man es herunterladen.

„Wählen macht glücklich.“ Der Mensch ist von Gott zur Freiheit bestimmt. Und mit jeder Wahl, die man uns anbietet, wird uns diese Freiheit bewusst. Natürlich kann wählen uns auch überfordern, vor allem dann, wenn die Optionen überhand nehmen. Ein kluger Verkäufer bietet nicht mehr als drei Optionen an. Auch im Konfi sollte es mehr Wahl- und Mitbestimmungsmöglichkeiten geben. Denn Mündigkeit kann man nur lernen, wenn man nicht alles einfach vorgeschrieben bekommt.

Und so gingen die U18-Wahlen aus

Es ist durchaus interessant, wie die mehr als 215.000 Nachwuchswähler*innen abgestimmt haben (http://www.u18.org/fileadmin/user_upload/U18_Bund_2017/PDF/u18-pm_4.pdf):

  • CDU 28,3%
  • SPD 19,8%
  • Bündnis 90/Die Grünen 16,5%
  • Die Linke 8,1%
  • AfD 6,8%
  • FDP 5,7%

Ich werde auf jeden Fall, bevor ich mein Kreuz setze (wegen dem großen Reformationsfestival #daistfreiheit17 am 24. September per Briefwahl), nochmal meine Kinder fragen, was ich wählen soll. Alle, die jetzt wissen wollen, was ich wähle, muss ich leider enttäuschen. Das Wahlgeheimnis ist ein schönes Prinzip und als Pfarrer finde ich es besser, die eigene politische Einstellung nicht nach außen zu kehren.

Diskussion

Bleibt die Frage: Wie seht ihr das? Sollten Jugendliche wählen dürfen? Ab wann? Bin gespannt auf Kommentare …

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U18 – Lasst die Jugend wählen!
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