Ein besonderer Anlass war es für mich, nach längerer Zeit mal wieder eine goldene Konfirmation zu feiern. Ich finde es gut, wenn jemand aus der Gruppe selbst das Wort ergreift. Leider war dazu niemand bereit, so dass ich einige Informationen aus dem Vorgespräch in die Predigt eingebaut habe. Besonders schön war, dass bei der Übergabe der Gedenk-Urkunden echte Konfis die Namen und Denksprüche vorgelesen haben. So wurden die 50 Jahre sichtbar. Hinterher sagt eine Frau, das sei so schön gewesen, am liebsten hätte sie sich das von ihrer Enkelin zusprechen lassen. Hier meine Predigt, die sich an der württembergischen Perikopenordnung für das Fest der Konfirmation orientiert.

Predigt

Liebe Festgemeinde,

ist das wirklich schon 50 Jahre her? Ja, es ist. Was den heutigen Konfirmanden wie eine unendlich lange Zeit vorkommen mag, ist im Rückblick wahrscheinlich ziemlich schnell vergangen. Ich weiß nicht, ob der oder die neben ihnen noch „ganz der Alte“ ist oder ob man eben doch merkt, wie das Leben seine Spuren hinterlassen hat. Auf jeden Fall lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen. Der Zeitstrahl kennt nur eine Richtung. Die goldene Konfirmation ist oft auch ein Schwellenritual. So wie mit der Konfirmation der Übergang von der Kindheit zur Jugend, hin zu mehr Verantwortung und Selbständigkeit wie die Erwachsenen, gefeiert und bewusst gemacht wird, so steht die Goldene Konfirmation für viele an der Schwelle vom berufstätigen Leben hin zum Ruhestand. Auch diese Schwelle ist nicht immer leicht zu überschreiten. Vielen fällt es schwer, auf die Anerkennung zu verzichten, die das Berufsleben bietet. Das Leben muss neu organisiert werden. Schön, wenn die viele freie Zeit nicht für Arztbesuche draufgeht, sondern für neue Aufgaben eingesetzt werden kann, wenn nicht gar für eine Neuentdeckung der Welt auf ausgedehnten Reisen ohne die Notwendigkeit, Urlaubstage zählen zu müssen.

Wie war es, damals Konfirmand zu sein. Ich finde das immer spannend. Bei der Konfirmation ging es – trotz des Symboljahrs 1968 – noch ziemlich klassisch zu. Alle Konfirmanden saßen vorn und mussten in alphabetischer Reihenfolge ihr Sprüchlein auswendig vortragen, ein Stück aus dem Katechismus. Für jeden besuchten Gottesdienst gab es einen Anwesenheitsstrich. Ein Highlight war der Konfirmandenausflug nach Mariaberg, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

Bei der Konfirmation durfte man seinen ersten Schluck Wein trinken, am Sonntagabend war um 18 Uhr der Abendmahlsgottesdienst. Und am Montag wurde auch noch gefeiert, da waren Nachbarn und Freunde eingeladen. Und wer dann immer noch keinen Kuchen abbekommen hatte, dem trug man ihn am Dienstag als Dankeschön für das Geschenk vorbei. Die Geschenke waren zum Teil sehr merkwürdig. Man schenkte zumindest den Frauen noch etwas für ihre Aussteuer, das was man als Frau zur Gründung einer Familie brauchte. Und das waren dann Handtücher und Porzellan in Hülle und Fülle, womit niemand so recht etwas anfangen konnte. Nach der Konfirmation konnte man dann – Jungs und Mädchen brav getrennt – in einen Jugendkreis gehen. Von den 50 Konfirmanden waren das etwas 15 – also längst nicht alle, obwohl es damals viel weniger Alternativangebote für Jugendliche gab.

Hören wir auf den Predigttext zu diesem Anlass. Er steht in 1. Kor. 3

18 Niemand betrüge sich selbst. Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde. 19 Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott. Denn es steht geschrieben (Hiob 5,13): »Die Weisen fängt er in ihrer List«, 20 und wiederum (Psalm 94,11): »Der Herr kennt die Gedanken der Weisen, dass sie nichtig sind.« 21 Darum rühme sich niemand eines Menschen; denn alles ist euer: 22 Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, 23 ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.

Paulus geht es hier um eine grundsätzliche Frage: Wem verdanke ich, dass ich glauben kann, dass ich zum glauben gekommen bin.

Möglichkeit eins: Ich verdanke es einem Menschen. Dem der mich zum Glauben geführt hat. Vielleicht ist das sogar der Pfarrer oder die Pfarrerin die mich konfirmiert hat. Damals vor 50 Jahren war das Pfarrer Stahl. Es war wohl sein erster Jahrgang, den er hier in Ruit zur Konfirmation führte. 50 Konfirmanden waren es, die zum Unterricht aufgeteilt waren. So haben es mir zwei Jubilare erzählt.

Er muss es durchaus draufgehabt haben, denn später wurde er noch Dekan. So jemand prägt. Auch wer heute jugendlich ist, wird geprägt. Vom Pfarrer oder Jugendreferent, vom Kleingruppenleiter und natürlich den Eltern. Sie können einen guten oder schlechten Einfluss haben.

Aber was sagt Paulus: Niemand rühme sich eines Menschen … „Der Herr kennt die Gedanken der Weisen, dass sie nichtig sind.“ Dahinter steckte in Korinth ein Streit. Jeder berief sich auf jemand anderen, auf Paulus, Apollos oder Petrus. Es gab Parteien. Wer seinen Glauben nur auf einen Menschen bezieht, ist ein armer Mensch. Denn alle Menschen sind fehlerhaft. Wie oft kommt es vor, dass sich große Vorbilder im Glauben später ganz anders entwickeln oder gar vom Glauben abfallen.

Wem verdanke ich, dass ich glauben kann? Möglichkeit zwei: Mir selbst. Ein Glück bin ich schlau genug, dass ich das eingesehen habe, dass es Gott gibt und er mich durchs Leben führen will. Aber schon wieder enttäuscht uns Paulus. „Niemand betrüge sich selbst. Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde. Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.“ Und ein paar Zeilen vorher schreibt Paulus, dass das Wort vom Kreuz eine Torheit ist bei allen, die verloren gehen. Nein, unsere Weisheit ist es nicht. Von selbst kann man nicht darauf kommen, dass Jesus durch das Kreuz auch für uns das Heil ermöglicht hat. Dass er gestorben ist, damit wir ein anderes, das wahre Leben haben.

Aber wie kommt es dann, dass ich glauben kann, wenn es weder auf einzelne Menschen noch auf mein kluges Nachdenken zurückzuführen ist? Paulus sagt: Alles gehört euch. Egal ob Paulus oder Apollos, egal welcher Mensch euch geprägt hat, egal ob Welt oder Leben oder Tod, egal ob der Tag heute oder eure Zukunft. Alles gehört Euch. Ihr aber gehört Jesus Christus. Und der gehört zu Gott.

„Die Welt gehört dir.“ Das ist schon eine wahnsinnige Aussage, wenn man das mit 14 hört, wenn das Leben noch vor einem liegt. Du kannst die Welt erobern. Mach etwas aus deinem Leben! Hinterlasse Spuren auf der Welt. Wage etwas Großes und versteck dich nicht.

Dieses „Alles gehört euch“ hört aber nicht auf zu gelten, wenn man älter wird. Wenn die körperlichen Möglichkeiten abnehmen – und das geht in meinem Alter längst los – nehmen dafür die finanziellen Möglichkeiten zu, außerdem versteht man mehr von der Welt und weiß eher, wo man anpacken muss, um sie zu gestalten. Kümmert man sich um die Familie und die Enkel … Wirft man seine Energie in ein Ehrenamt. Oder entdeckt man gar seine künstlerische Ader. Es gibt viele Möglichkeiten, die Welt in Besitz zu nehmen.

Aber dass die Welt uns gehört, ist gar nicht das Entscheidende. Denn Paulus sagt weiter: Ihr aber gehört Christus. Euer Leben ist nicht euer Besitz. Ihr müsst euch nicht selbst verwirklichen. Euer Leben gehört Jesus. Er bestimmt, was mit ihm geschehen soll. Er bestimmt, wo auf der Welt eure Gaben und Fähigkeiten am besten zum Einsatz kommen.

Der Mensch denkt und Gott lenkt, sagt ein Sprichwort, das aus dem Buch der Sprüche abgeleitet ist (Spr. 16,1). Wer zu Christus gehört und sein Leben von Jesus bestimmen lassen will, der muss sich nicht wehren gegen die Weichenstellungen des Lebens, die man nicht selbst in der Hand hatte. Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten dienen. Sogar Lebenswege, die auf den ersten Blick nicht erfreulich und angenehm sind.

Ihr gehört zu Christus. Du gehörst zu Jesus. Du bist ein Kind Gottes. Das ist auf den Punkt gebracht die Botschaft der Konfirmation. Der Zuspruch, dass nicht ich mein Leben in der Hand haben muss, sondern dass ich Gott vertrauen darf, dass er es gut macht mit meinem Leben. Dafür stehen die segnenden Hände, die mir aufgelegt werden. Sie symbolisieren Schutz vor bösen Gedanken und die Lenkung des Willens in die richtige Richtung.

Der Segen ist mehr als wir begreifen können. Er kommt von außen auf uns zu. Und er ist auch die Antwort auf die Frage, wem wir verdanken, dass wir Christen wurden: Es ist ein Segen und ein Geschenk, das letztlich von Gott selbst kommt. Es ist ein Segen, wenn wir verstehen, dass Gott jeden Tag neu mit uns anfängt. Es ist ein Segen, dass Gott uns Menschen in den Weg gestellt hat, die zu Wegweisern wurden, ohne dass wir sie deshalb vergöttern müssen. Es ist ein Segen, dass auch wir etwas weiterzugeben haben.

Eigentlich müssten jetzt alle, die auf 50 Jahre Konfirmations-Segen zurückblicken, aufstehen und erzählen. Was Gott getan hat in seinem Leben. Welche Wendungen das Leben genommen hat. Welche Enttäuschung er geholfen hat zu ertragen. Und bestimmt werden sie das nachher auch tun und es sich gegenseitig erzählen. Und versäumen Sie es nicht, auch der nächsten Generation zu erzählen, wie ihr Leben gelaufen ist, weil Gott die Fäden gezogen hat.

Alles gehört euch, ihr aber gehört Jesus Christus. Was für eine herausfordernde und gleichzeitig getrost machende Botschaft für uns alle. Nehmen wir das mit in unseren Alltag, der schon morgen wieder beginnt. Amen.

Liturgie

● Vorspiel mit Einzug (Henry Purcell, Rondo, Trompete und Orgel)
● Freie Begrüßung + Votum mit gesungenem einfachem Amen
● Eingangslied: EG 166,1.2.5 Tut mir auf die schöne Pforte
● Psalmgebet Ps. 43 (EG 724) (ganzversweise)
● Ehr sei dem Vater
● Gebet und stilles Gebet
● Zwischenspiel (Blockflötenkreis)
● Glaubensbekenntnis mit Taufgedächtnis
● Schriftlesung: 4. Mo. 21,4-9
● Predigt über 1. Kor. 3,21b-23
● Lied: EG 93,1-4 Nun gehören unsre Herzen
● Gedächtnis der Konfirmation mit Segen und Überreichung der Urkunden
● Zwischenspiel Trompete und Orgel (Johann Baptist Georg Neruda, Larghetto)
● Fürbittengebet
● Vater unser
● Lied: EG 321,1-3 Nun danket alle Gott
● Abkündigungen und evtl. besondere Fürbitte
● Verleih uns Frieden gnädiglich (EG 421)
● Segen mit dreifachem Amen
● Nachspiel mit Auszug der Jubilare

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Goldene Konfirmation – 50 Jahre danach …
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