Dieser Beitrag ist (redaktionell bearbeitet) veröffentlicht in: Jugendbibeln – Konzepte, Konkretionen, religionspädagogische Chancen, hg. Michael Fricke, Georg Langenhorst, Thomas Schlag, Verlag Herder 2020, S. 145-150, vgl. http://d-nb.info/1198146532 , Verlagsinfo: https://www.herder.de/theologie-pastoral-shop/jugendbibeln-konzepte%2c-konkretionen%2c-religionspaedagogische-chancen-kartonierte-ausgabe/c-37/p-17999/  , 35 Euro, 264 Seiten. 

Cover des Sammelbands, in dem dieser Artikel abgedruckt wurde

Er geht zurück auf einen Vortrag, den ich im September 2018 beim IX. Internationalen Forschungskolloquium “Kinderbibel” zum Thema “Jugendbibeln – Konzepte und Konkretionen” gehalten habe. Aktuelle Infos zur KonApp findet man hier: https://www.konapp.de/ auf der Seite der Deutschen Bibelgesellschaft. Hier im Blog findet man meine Ideen und Infos über die Geschichte der KonApp im Beitrag “Die KonApp – Anregungen für den Einsatz der neuen EKD-App für Konfis in der Praxis“. Auch die anderen Beiträge des Bands sind sehr inspirierend für alle, die mit Jugendlichen arbeiten oder Bibeln für diese Zielgruppe entwickeln.

Artikel

Die Bibel hat ihre „Darreichungsform“ immer wieder verändert. Und wie bei Medikamenten auch spielt das eine Rolle beim Wirkeintritt und der Stärke der Wirkung. Wurden die Gottes-Erzählungen des Volkes Israel zunächst mündlich tradiert, war es ein großer Fortschritt als sie endlich auch schriftlich fixiert werden konnten. Die Torah-Frömmigkeit des Judentums ist ohne diese Schriftlichkeit nicht vorstellbar. Von Einzeltexten auf Pergament oder Papyrus kam es dann zur Zusammenstellung von Texten in Form von Schriftrollen und erst sehr viel später in Form von Kodizes. Während eine Schriftrolle wie sie bis heute in Synagogen verwendet wird, dazu zwingt, einen Text linear von vorn bis hinten wahrzunehmen, kann man ein Buch an jeder Stelle „aufschlagen“, an der man lesen will. Man denke nur an die vielfältigen – meist vergeblichen Bemühungen – der Religionspädagogik, das Aufschlagen von Bibelstellen zu beschleunigen.

War zu Luthers Zeiten der Buchdruck eine Revolution und ließ die Preise für gedruckte Texte rapide sinken, so lässt sich die Bedeutung der digitalen Revolution für die Textproduktion und -verbreitung kaum überschätzen: Die Grenzkosten für die Textverbreitung sinken gegen Null, die Durchsetzung von Urheberrechten wird immer schwieriger. Die Bibel ist online kostenlos immer verfügbar, was aber noch lange nicht heißt, dass sie auch gelesen wird.

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Multimedia-Gesellschaft auf. Erste Erfahrungen machen sie nicht nur mit Bilder-Büchern, sondern auch mit Tablets und Computern, auf denen interaktive Formate für Bildungs- und Spielinhalte möglich sind. Die Verbreitung von Smartphones – und schon wieder leicht zurückgehend von Computern – im Konfi-Alter ist fast 100%. Nicht zu unterschätzen ist auch die emotionale Bindung an Smartphones, die gleichzeitig den Kontakt zu Freunden sicherstellen, Unterhaltung und Wissenszugang bieten und ein nicht zu unterschätzendes Statussymbol darstellen.

Während Youtube-Channel im Konfi-Alter breit konsumiert werden, kommt das digitale Lesen von Texten weder bei Erwachsenen noch bei Jugendlichen so richtig vom Fleck. Wurde anfangs schon das Verschwinden gedruckter Bücher und ein breiter Siegeszug der E-Books prognostiziert, stagniert dieser Anteil inzwischen oder geht sogar zurück. Vielfach wird eine hybride Nutzung von Texten bevorzugt: Zu Hause liest man gerne ein gedrucktes Buch, für den Urlaub lädt man sich ein paar E-Books herunter.

In der Konfi-Zeit wird nach wie vor meist die erste Erfahrung mit einer persönlichen Bibel gemacht, die oft in einer feierlichen Zeremonie im Gottesdienst überreicht wird. Wurden den Heranwachsenden bis dahin Texte der Bibel nur in Auswahl präsentiert – etwa in einer Kinderbibel oder im Rahmen religionspädagogischer Bemühungen –, dürfen sie sich, wenn sie denn wollen, jetzt mit allen Texten der Bibel auseinandersetzen, auch mit erotisch aufgeladenen Texten wie dem Hohelied der Liebe, grausamen Kriegsberichten und eschatologischen Horror- und Friedensvisionen.

Doch das Problem der Überforderung bleibt: Sowohl die Textmenge der Bibel erschlägt als auch die vor allem historisch bedingte erschwerte Verständlichkeit. Dieser doppelten Herausforderung begegnen gut konzipierte Jugendbibeln mit Lesetipps oder Bibelleseplänen auf der einen und Wort- und Sacherklärungen auf der anderen Seite.

Rückmeldungen aus Konfi-Gruppen

Bei einer kleinen, nicht repräsentativen Umfrage unter Interessenten für die neue KonApp habe ich auf Nachfrage acht ausführlichere Rückmeldungen zur Nutzung digitaler Bibeln in der Konfi-Zeit bekommen. Es wird deutlich, dass selbst bei digital offenen Hauptamtlichen bisher kaum Erfahrungen vorliegen. Meist nutzen sie eine Bibel-App nur selbst. Einer von ihnen montiert an die Konfi-Bibeln seitliche Griff-Register. Auf die Frage: „Welche Rückmeldung geben Konfis? Lesen sie gern in einer digitalen Bibel?“ kam die Rückmeldung: „Hatte eine Konfirmandin im letzten Jahr, die sowohl eine Papier-Bibel als auch eine App hatte. Sie hat aber nur digital mitgelesen und die anderen Konfis haben sie auch eher komisch angeschaut.“

Bei manchen haben gar nicht alle Konfis ein Smartphone. Konfis installieren die Bibel-App nur, wenn man sie konkret darauf hinweist.

In einer Gemeinde gibt es ein Escape-Spiel (geschlossener Raum, aus dem man nur herauskommt, wenn man die Lösung hat), bei dem man auf die Nutzung einer Bibel-App angewiesen ist.

In einer anderen Gemeinde haben sich von 38 Konfis sieben die Bibel-App der Deutschen Bibelgesellschaft heruntergeladen. Es gibt dort das Vorurteil, dass die Bibel als App sehr viel Speicherplatz frisst. Dort freuen sich die Konfis besonders auf die Lexikonfunktion der Basisbibel und auch auf die Lesepläne.

Die KonApp – Anlage und Stand der Dinge

Seit Juli 2015 hat auf meine Initiative hin eine Projektgruppe von Fachleuten und Praktikern der Konfi- und Jugendarbeit zusammen mit der Deutschen Bibelgesellschaft eine Konzeption für eine App entwickelt, die mit finanzieller Unterstützung der EKD im August 2019 über die App-Stores verbreitet werden soll. Viele Rückmeldungen und Gespräche haben mir gezeigt, dass es dafür einen echten Bedarf gibt. Eine frühe Anregung kam von einem Konfirmanden, der mir sein Smartphone zeigte mit einer darauf installierten Bibel-App, die es in großer Fülle gibt, allerdings nicht in jugendgerechter Form und gleichzeitig mit den etablierten deutschen Übersetzungen.

Die neue KonApp wird sowohl die Bibel in der Übersetzung der Basis- und Lutherbibel enthalten als auch Lesepläne, über die ein leichter Einstieg mit Erklärungen gefunden werden kann. Es gibt Sacherklärungen und eine „Leseapotheke“, die für bestimmte Lebenssituationen konkrete Bibeltexte vorschlägt.

Nutzer werden über einen Code angemeldet und können sich dann als Gruppe austauschen und Bilder miteinander teilen. Auch eigene Einträge in ein Tagebuch sind möglich.

Darüber hinaus sind in die App eingebundene und auch auf Youtube verfügbare Impulsfilme geplant, zu deren Erstellung die Nutzer ermutigt werden und die jugendgerecht in zentrale Themen einführen. Details zu weiteren Funktionen findet man auf den Internetseiten der Deutschen Bibelgesellschaft und auf der bald freigeschalteten Projekt-Homepage.

Die KonApp hat von der Konzeption her bewusst ein Gruppensetting, das die Bibel mit den vielen Anregungen der Konfi-Zeit verbindet und Peer-Learning ernst nimmt. Allerdings soll sie auch von einzelnen Jugendlichen sinnvoll nutzbar sein.

Chancen einer digitalen Bibel-App

Wenn eine Jugendbibel digital wird, bieten sich unübersehbare Chancen:

  • Digitale Texte sind ohne großen Aufwand als Hypertexte anzulegen, wo wie in der Basisbibel-App wunderbar gelöst, die Erklärung schwieriger Begriffe nur einen Fingertipp weit entfernt ist. Ähnliches gilt für Parallelstellen.
  • Zum digitalen Text können problemlos Multimedia-Inhalte dazukommen, Bilder und Videos, die oft mehr sagen als viele Worte.
  • Lesepläne können so gestaltet werden, dass der Fortschritt ähnlich erlebt wird wie bei der linearen Lektüre.
  • Digitale Texte stehen per Copy und Paste viel leichter zum Remix zur Verfügung. So lässt sich ohne großen Aufwand etwa eine Wordcloud erstellen oder eine bunte Textcollage aus Bibelzitaten zusammenbauen.
  • Während die Motivation zum Lesen einer gedruckten Bibel von außerhalb kommen muss, kann eine App ein Motivationssystem enthalten, das – wie in heutigen Apps üblich – virtuelle oder sogar reale Belohnungen und Auszeichnungen verspricht. Etwa: „Du hast einen Bibel-Streak und 5 Tage in Folge Bibel gelesen.“ „Du hast ein komplettes Evangelium geschafft.“ „Du hast den Themenleseplan ‚Krieg und Frieden in der Bibel‘ erfolgreich absolviert. Glückwunsch!“

Eine weitere Besonderheit unserer App wird sein, dass sie die Leseerfahrung teilbar und sozial macht. Bibelstellen können im Gruppenstream von jedem weitergegeben werden. Der Administrator kann digital Leseaufträge erteilen. Über QR-Codes können im Rahmen von Gruppenstunden Bibelverse gescannt werden. Eine Jugendgruppe kann einen virtuellen Lesezirkel vereinbaren und sich über ihre Erfahrungen mit Texten austauschen.

Die Zeit scheint auf jeden Fall reif für ein solches Projekt, denn mehr als 100 Testgemeinden haben sich schon für die erste Phase gemeldet, in der die App in enger Zusammenarbeit mit Gemeinden und Konfis entwickelt wird. Diese startete im Januar 2019.

Probleme und Herausforderungen digitaler Jugendbibeln und -Apps

Trotz aller Chancen sind die Probleme der Bibel-Digitalisierung nicht kleinzureden. Als erste Reaktion auf die Konfi-Bibel-App kommt oft: Ja sollen die Jugendlichen denn nur noch auf ihr Handy starren? In der Tat gibt es ein Zuviel an Handy- und Medienkonsum. Studien zeigen glücklicherweise, dass es auch ein Zuwenig gibt.[1]

Spannend sind Befunde zu den Kompetenzen 15-jähriger Schüler/innen beim Lesen digitaler Texte in Deutschland, die bei der Auswertung der PISA-Studien 2012 herauskamen[2]. Hier zeigte sich, dass deutsche Schüler/innen beim Lesen digitaler Texte deutlich schlechter abschneiden als bei gedruckten und dabei auch schlechter sind als die Schüler/innen aus anderen Ländern. Wider Erwarten scheint die Verfügbarkeit von digitalen Endgeräten sogar einen negativen Effekt auf die digitalen Lesefähigkeiten der Jugendlichen zu haben, auch dann, wenn dies Schulgeräte sind (S. 597).  Erklären lässt sich dies womöglich mit der leichteren Ablenkbarkeit beim Lesen digitaler Texte. Gerade die Hypertextualität, das Verfolgen von Links, stellt extrem hohe Anforderungen an die Konzentration, die viele zu überfordern scheinen. Das Lesen digitaler Texte – eine wichtige Zukunftskompetenz – muss gelehrt und gelernt werden, sonst könnte tatsächlich ein neuer digitaler Analphabetismus die Folge sein.

Allerdings ist die Bibel m. E. besser als andere Texte für digitale Ausgaben geeignet: Die wohl schon sehr alte Aufteilung in übersichtliche Sinnabschnitte und Perikopen ist gut geeignet für kleine Handydisplays. Die Bibel hat durch einen jahrhundertelangen Entstehungsprozess einen hohen Anteil interner Verweise. Schließlich sind die Texte der Bibel wegen ihres Alters und ihres fremden kulturellen Hintergrunds – nicht nur für Jugendliche – erklärungsbedürftig und müssen durch moderne Einführungen flankiert sein. Den Nachteil, dass digitale Texte schlechter verstanden werden, könnte auffangen, dass die hilfreichen Erklärungen im Rahmen einer digitalen Ausgabe leichter zugänglich und immer verfügbar sind. Allerdings ist hier noch viel Entwicklungsarbeit nötig. Eine Jugendbibel, die so etwas vollständig leistet, ist mir weder in Buchform noch digital bekannt. Das müsste nämlich eine Art Stuttgarter Erklärungsbibel für Jugendliche sein.

Folgerungen

Was heißt das nun für die Digitalisierung der Bibellektüre im Jugendalter? Diese abschließenden Thesen werden durch künftige Studien näher zu untersuchen sein:

  • Das positive Image von Smartphones und Digitalem nutzt der Bibel im Jugendalter.
  • Ohne Belohnungsmechanismen dürfte es schwer sein, Jugendliche bei der Bibellese-Stange zu halten, erst recht, wenn sie dazu keine hohe Eigenmotivation haben.
  • Lesepläne mit motivierender Fortschrittsanzeige sind extrem wichtig, weil hier gangbare Pfade durch den Dschungel der Bibeltexte gezeigt werden können.
  • Der Ablenkungseffekt von Smartphones, die ja immer auch Spiele und Chats parallel bieten, darf nicht unterschätzt werden.
  • Der Bibeltext eignet sich von Umfang und Art her sehr gut für eine Darstellung als Hypertext. Schon allein die Suchfunktion ist ein echter Mehrwert, erst recht verlinkte Sacherklärungen und gut gemachte, sowohl erbauliche als auch kulturell-geschichtlich bildendende Lesepläne.
  • Im Jugendalter ist die Peergroup extrem wichtig, deshalb sind Möglichkeiten des Austauschs über Bibeltexte eine große Chance.
  • Auch einen digitalen Bibeltext kann man personalisieren und kommentieren, sogar sehr viel umfangreicher als dies mit gedruckten Bibeln (Unterstreichungen, Randkommentare) möglich ist. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass die Personalisierung flüchtig ist und beim nächsten Handywechsel verlorengeht.
  • Digitale Bibeln sollten gedruckte nicht ersetzen, zumindest vorerst nicht, sondern nur ergänzen. Der Aufwand, in die Benutzung der Bibel einzuführen, wird also deutlich größer als bisher, wenn zwei Darbietungsformen erschlossen werden müssen.
  • An einer gut gemachten digitalen Jugendbibel führt für mich im 21. Jahrhundert kein Weg vorbei. Die Konfi-Bibel-App kann hier erst ein Anfang sein, der erfreulicherweise von der EKD und der Deutschen Bibelgesellschaft ermöglicht wird.

Weitere Literatur

Stefan Scholz, Bibeldidaktik im Zeichen der neuen Medien, Chancen und Gefahren der digitalen Revolution für den Umgang mit dem Basistext des Christentums, Münster 2012 (Ökumenische Religionspädagogik 5).

Stefan Scholz/Volker Eisenlauer, Hypertextualität als Interpretament der Bibel und ihrer Auslegung, in: Stefan Scholz/Oda Wischmeyer (Hg.), Die Bibel als Text. Beiträge zu einer textbezogenen Bibelhermeneutik. Tübingen 2008, S.69–96.

Stefan Scholz, Digitale Bibeln – mehr als nur ein Buch! Veränderungen der Bibelkultur in der Welt von Bits und Bytes, in: Reader der EKD-Synode Herbst 2014, 95—98, https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/synode2014-lesebuch.pdf (abgerufen am 27.6.2019)

 

[1] Vgl. Jörg Lohrer, Jugendliche und Medien, in: Thomas Ebinger u.a., Handbuch Konfi-Arbeit, Gütersloh 2018, 32-39 sowie die Studien, die unter www.eukidsonline.de/studienuebersicht (abgerufen am 27.6.19) gesammelt werden.

[2] Johannes Naumann, Christine Sälzer, Digital reading proficiency in german 15-year olds: evidence from PISA 2012, Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 4/2017, 585–603.

 

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Wie seht ihr Chancen und Grenzen einer solchen digitalen Jugendbibel? Wie immer freue ich mich über Kommentare hier oder sonstwo in der digitalen Welt.

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Die „KonApp“: Überlegungen zur ersten digitalen Jugendbibel für die Konfi-Arbeit
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