Dieses Jahr hatte ich endlich die Gelegenheit, das Projekt “französischer Jakobsweg” zu Ende zu führen. Nachdem ich 2025 in drei Wochen von Burgos bis Santiago gepilgert war (Bericht und Bilder hier: Der französische Jakobsweg von Burgos bis Santiago), ging es diesmal klassisch in Saint-Jean-Pied-de-Port am Fuß der Pyrenäen los. Angereist war ich mit Flixbus von Stuttgart-Flughafen bis Bayonne, dann mit dem Regionalzug problemlos bis Saint-Jean. Zwei Jakobspilger habe ich gleich im Bus kennen gelernt und wir haben uns schon in der Nacht wunderbar unterhalten. Allerdings sind die beiden noch am Ankunftstag über die Pyrenäen losgelaufen, während ich diesmal genug Zeit hatte, um auf den nächsten Morgen zu warten, was ich sehr empfehlen würde.
Über die Pyrenäen gibt es eine Sommervariante, die höher hinausgeht, und eine bequeme, auch im Winter zu laufende Variante. Die meisten nahmen wie ich aber die anstrengendere, die mit herrlichen Eindrücken belohnt, wenn sich der Nebel lichtet. Eine schönere Landschaft als die nebeldurchwirkten Bergwälder mit göttlichen Sonnenstrahlen (“god rays” kennt der Gamer aus dem Spiel, wenn die Grafikkarte das bringt) kann man sich kaum vorstellen.
Wie es mit den einzelnen Etappen weiterging, muss ich hier nicht groß wiederholen, da habe ich praktisch täglich auf Mastodon berichtet, nachzulesen hier: https://bildung.social/tags/meincamino2026
Highlights
Neben der Landschaft und den Bilder sind die schönsten Erfahrungen beim Jakobsweg wohl die Begegnungen mit anderen Pilgerinnen und Pilgern. Immer wieder war es für mich erstaunlich, wie schnell sich tiefste Gespräche ergeben, wenn man eine Zeit lang miteinander unterwegs ist. Spannend war für mich auch die Erfahrung, dass Begegnung manchmal Zeit braucht wie beim kleinen Prinzen, der dem Fuchs ganz langsam näher rückt. Manche Pilgernden sieht man einmal, überholt sie, übernachtet gemeinsam. Und erst beim dritten Treffen in einer Unterkunft fängt man ein Gespräch an als würde man sich schon ewig kennen.
Anders als im letzten Jahr war ich diesmal auch mehrere Tage allein unterwegs, was durchaus bewusst gewählt war. Denn ich hatte so viel Zeit, dass ich langsam gehen musste. Entweder jeden Tag kleinere Etappen oder ein paar Tage die üblichen größeren, maximal waren es 38 Kilometer, um dann auch einmal einen Tag nur 7 km zu machen, um eine bestimmte Herberge zu erreichen.
Wie 2025 bin ich auch diesmal wieder bewusst geistlich gepilgert nach dem Vorsatz: Wenn es eine Messe oder einen Pilgersegen gibt, gehe ich hin. Das hat mindestens jeden zweiten Tag auch sehr gut geklappt, in manchen kleineren Städten und Dörfern gibt es das nicht oder nur unregelmäßig. Leider geben sie die Priester auf diesem Wegstück wenig Mühe, auch einmal Englisch zu reden; von ihrem Spanisch bzw. am ersten Ort Französisch habe ich leider nur einen Teil verstanden. Aber das Grundgerüst der Messe ist ja ohnehin immer gleich und grundsätzlich gut verständlich. Als Protestant und Pfarrer habe ich kein Problem an der Messe teilzunehmen und habe auch bei einem Priester nachgefragt, der gut deutsch sprach. Solange man die Hostie als den wahren Leib Christi anerkennt, was Lutheraner wie ich tun, ist es wohl für die meisten katholischen Priester kein Problem, auch wenn immer wieder ausdrücklich erklärt wird, dass nur Katholiken teilnehmen sollen.
Empfehlenswerte spirituelle Unterkünfte
Es gibt sehr unterschiedlich Herbergen. Günstig und groß sind meist die städtischen, von denen ich einige erlebt habe. Besonders empfehlenswert aus meiner Sicht sind aber die spirituellen, meist parochialen, die in der Regel spendenbasiert, also “donativo” sind. Hier gehört meist ein gemeinsames Abendessen dazu, das man oft auch gemeinsam vorbereitet, sowie ein Frühstück bevor man losläuft.
Diese drei kann ich besonders empfehlen:
- Zabaldika: Hier wurden wir von zwei super netten Freiwilligen empfangen. Später gab es eine Kirchenführung mit einer Meditation, für die jeder einen Text bekam (s.u.). Nach dem leckeren für uns gekochten Abendessen – jeder hatte ein Namensschild auf einem gelben Pfeil – versammelten wir uns noch einmal auf der Empore für eine sehr persönliche Abendandacht, die von Schwestern des Herz-Jesu-Klosters gestaltet wurde. Jeder durfte in seiner Muttersprache über seine Erfahrungen auf dem Weg und die Motivation ihn zu gehen berichten, es wurden nach einer einfachen Liturgie in verschiedenen Sprachen Psalmen und Bibeltexte gelesen.
- Grañon: Auch hier ein auffallend herzlicher Empfang von vielen Freiwilligen. Hier hat das gemeinsame Kochen besonders Spaß gemacht, alle haben mit Feuereifer und bester Laune geschält und geschippelt, umso besser hat dann das Essen geschmeckt, das wir draußen eingenommen haben. Und auch das Abspülen war weil alle halfen schneller vorbei als man sich vorstellen kann. Die Andacht war diesmal besonders stimmungsvoll. Wir waren in der dunklen Kirche nebenan, nur der Hochaltar war beleuchtet. Alle saßen im Chorgestühl, rechts und links je ein flackerndes Teelicht. Wieder gab es eine schöne Liturgie und diesmal wurde eine Erzählkerze herumgereicht. Wer wollte, durfte von sich erzählen – und die meisten wollten. Es waren wieder extrem bewegende und persönliche Geschichten dabei. Anschließend sollten wir uns alle umarmen. Was in einer anderen Situation vielleicht künstlich gewesen wäre, war ich das Selbstverständlichste der Welt. Menschen, die einander erst seit Kurzem kannten, stärkten sich gegenseitig mit einer Umarmung als hätte man Wochen miteinander verbracht.
- Tosantos: Nach Grañon dachte ich eigentlich, dass keine Steigerung mehr möglich wäre. Ich hätte mich nach der nächsten spirituellen Herberge erkundigt und man empfahl mir Tosantos. Das Haus wirkt unspektakulär, etwas in die Jahre gekommen, ist aber ein wunderschönes Fachwerkhaus und wie Grañon ein altes Spital für Pilger, also ein Krankenhaus. Der Chef und geistliche Vater des Hauses ist der 86-jährige Jose Luis, der unermüdlich kocht und am Abend eine extrem bewegende Abendandacht hält. Die Pilgernden erzählen dabei nicht von ihren eigenen Erfahrungen, sondern jeder bekommt einen Erfahrungsbericht eines Pilgernden in seiner Muttersprache in die Hand, der dann verlesen wird. Jose Luis berichtet auch, wie es zu dieser Tradition kam: Eine Pilgerin warf in die Spendenbox nicht nur Geld, sondern auch ein Gebetsanliegen, denn sie war krebskrank. Für sie wurde dann in der Herberge gebetet. Später kehrte sie geheilt zurück. Nun wurden die Übernachtenden aufgefordert, selbst ihre Last, ihr Gebetsanliegen aufzuschreiben und in die Spendenbox zu werfen, was wohl die meisten von uns auch taten. Schließlich kennt jeder die Tradition, einen Stein mit auf den Jakobsweg zu nehmen und am eisenren Kreuz (Cruz de ferro) niederzulegen, der symbolisch für die Lasten steht, die man mit sich herumschleppt. Die Freiwilligen um Jose beten dann 20 Tage für diese Anliegen, indem andere Pilger ihren Text vorlesen. Einmal im Jahr gibt es dann eine Messe, in deren Rahmen alle Anliegen verbrannt werden. Tatsächlich waren die Texte extrem berührend, auch und gerade weil sie in der Muttersprache waren und gar nicht für alle verständlich.
Die elf wichtigsten Erfahrungen auf meinem diesjährigen Jakobsweg
- Ohne Zeitdruck pilgern ist anders. Nachdem ich mich 2025 beeilen musste und mehr Kilometer machen als die Standardetappe von ca. 25 Kilometer, hatte ich diesmal mehr Zeit. Um nicht in Burgos tagelang warten zu müssen, musste ich langsam tun. Andererseits habe ich nette Mitpilger kennen gelernt, die große Etappen laufen wollten. So habe ich das Tempo extrem variiert, bin große Strecken mitgelaufen, um mich dann auszuklinken, spät aufzustehen und wenige Kilometer zu gehen. Tatsächlich langsam gehen fällt mir schwer, aber ich habe mir in Städten wie Pamplona dann richtig Zeit für Sightseeing genommen, was auch sehr schön war.
- Allein gehen heißt nicht allein sein. Dieses Jahr bin ich deutlich längere Strecken für mich allein gegangen, auch als bewusste Entscheidung. Denn alleine kann man besser nachdenken, viele verschütteten Erinnerungen kommen hoch, das ganze Leben geht einem durch den Kopf. Und oft habe ich mich Gott näher gefühlt als wenn ich mit anderen zusammen war. Umso kostbarer sind nach einem langen Wandertag allein die Begegnungen mit anderen.
- Geistliches Radio tut gut. Nachdem mir ein italienischer Mitpilger erzählt hatte, dass er Radio Maria auf dem Weg höre, tat ich es ihm nach und habe ERF plus (https://www.erfplus.de/radioplayer/) eingeschaltet. Schließlich hatten wir in Kemnat erst vor Kurzem einen schönen Gottesdienst, der vom ERF aufgezeichnet wurde (nachzusehen hier: https://www.youtube.com/watch?v=tD1Bk1LA9C4) Vor allem die Lieder taten gut, manche Andacht traf mich. Ich fühlte mich getragen.
- Kontroverses Diskutieren kann verbinden. Auf dem Jakobsweg kann man die halbe Welt kennen lernen. So habe ich mit dem ersten echten “Trumper” meines Lebens gesprochen, einem Texaner, der für die US Army im Irak-Krieg gekämpft hat. Besonders spannend waren die Diskussionen mit einem Franzosen aus Paris, mit dem zusammen ich die Sonnenfinsternis genießen durfte. In der Migrationspolitik und im Hinblick auf Social Media (Twitter/X) hatten wir ziemlich entgegengesetzte Positionen, verstanden uns aber trotzdem gut, weil keiner sich verstellen musste.
- Blasen lassen sich vermeiden. Anders als bei meinen beiden vorherigen Jakobswegen hatte ich diesmal überhaupt keine Probleme mit Blasen an den Füßen. Mein Rezept diesmal: zwei Paar Wandersocken aus Wolle. Und mindestens alle zwei Stunden habe ich die gewechselt und während der Pause meine Schuhe und Strümpfe ausgezogen und in die Sonne gelegt. Morgens die Füße eingecremt mit einer alten Nivea-Creme, die noch herumlag. Nur die Knie haben sich zu Anfang gemeldet, das wurde aber im Lauf der Tage immer besser.
- Nur Santiago ist Santiago. Das Glücksgefühl, wenn man Santiago erreicht und dort in der Kathedrale an einer Messe mit dem schwingenden Räucherfass teilnehmen kann, ist unbeschreiblich. Ich hatte es schon vorher befürchtet und es hat sich auch bewahrheitet: Wenn man so mittendrin abbrechen muss und die anderen weiterziehen ist das schon ein komisches Gefühl und eine halbe Sache, nicht die Ganze. Trotzdem habe ich es nicht bereut und kenne jetzt den ganzen klassischen französischen Jakobsweg.
- Es gibt nicht nur gute Pilger. Immer wieder haben wir uns gefragt: Warum sind eigentlich auf dem Jakobsweg alle Menschen so offen, nett und hilfsbereit. Liegt es daran, dass nur bestimmte Menschen den Jakobsweg gehen, oder daran, dass der Weg Menschen verändert? Als Antwort waren wir uns immer einig: Es ist wohl beides. Allerdings gab es diesmal auch die Erfahrung mit zwei Pilgern, die unter Alkoholeinfluss aggressiv wurden. Davon wurde mir nur berichtet, aber einen davon kannte ich persönlich von einem gemeinsamen Abendessen und einer Kaffeepause. Wegen des anderen musste – wie mir berichtet wurde – sogar nachts um drei die Polizei geholt werden. Eine weitere Geschichte führt zum Schmunzeln: Neben einem Pilger fuhr die Polizei vor und stoppte ihn. Überall hängen Plakate für Frauen, wo man anrufen kann, wenn man sich belästigt fühlt. Das hatte wohl eine Frau gemacht, die sich verfolgt fühlte und immer wieder dem selben Pilger begegnet war. Die Polizei forderte ihn auf, noch einen Ort weiterzuziehen, damit das nicht mehr vorkommen könnte. Fun fact: Der Pilger war schwul und interessierte sich nicht für Frauen. Wohl einfach ein Missverständnis.
- Gehen mit der Kraft des Brotes wie Elia. Schon 2025 war mir eine Bibelstelle wichtig geworden: Elia ist erschöpft nach einem geistlichen Kampf, er hat keine Kraft mehr. Da kommt ein Engel und stärkt ihn mit frischem Fladenbrot und einem Krug mit Wasser (siehe https://www.die-bibel.de/bibel/BB/1KI.19.1). Und so gestärkt geht Elia 40 Tage lang durch die Wüste bis zum Gottesberg Horeb. Ich finde, das lässt sich wunderbar auf die Stärkung durch das Brot des Abendmahls beziehen, zumal es bei der katholischen Messe in der Regel keinen Wein(traubensaft) gibt, was – wie mir ein Priester erklärte – wohl vor allem pragmatische Gründe hat. Sehr berührt hat es mich als dann in der Messe in Santo Domingo de la Calzada der Text verlesen wurde, wie Elia Gott begegnet und Gott nicht im Sturm, im Erdbeben oder im Feuer ist, sondern in einem sanften, leisen Flüstern. Ja, Gott begegnet in der Stille, das habe ich erlebt.
- Tagebuch führen hilft. Die Pilgertage fangen oft früh an, manchmal sind wir um 5 Uhr, einmal sogar um 4.30 Uhr losgelaufen. Dann ist man sehr früh da und muss manchmal sogar auf das Öffnen der Herberge warten. Nachmittags schlafen dann manche, was ich versucht habe zu vermeiden, um nachts zu schlafen. Auf jeden Fall hat man viel Zeit, die man nutzen kann, um ein kleines Tagebuch zu führen, was viele Pilgernde tun. Ich habe ein Bildertagebuch auf Mastodon geführt und den Link per QR-Code auch anderen gezeigt, die dann immer erfreut waren, dass jeder das ansehen kann.
- Die Hitze ist kaum auszuhalten. Tatsächlich war auf dem Jakobsweg ziemlich wenig los zu dieser Jahreszeit. Vermutlich haben die Waldbrände abgeschreckt, letztes Jahr hat es sogar auf dem französischen Jakobsweg selbst gebrannt. In den Nachrichten kamen immer wieder Meldungen von Hitzewellen. Und wenn man nicht früh genug aufsteht, merkt man, wie die Hitze und die gnadenlose Sonne auf schattenlosen Wegen einem zusetzt. Ich bin da zum Glück nicht so empfindlich wie andere, aber ich habe gehört, dass auf dem Camino del Norte an der Nordküste Spaniens entlang, der sehr steil und in der Regel regnerisch und kühl ist, reihenweise Leute wegen der Hitze umgekippt sind. Viele Empfehlen deshalb nicht in der heißen Jahreszeit loszupilgern. Ich kann verstehen warum.
- Der Pilgerweg ist ein innerer Weg. Darauf wurde ich besonders gestoßen durch das schöne Projekt “Your Inner Camino” von Danny Vermeeren und seiner Frau, siehe https://www.dannyvermeeren.nl/inner-camino-house-en-us. Die beiden haben ihr bürgerliches Leben in den Niederlanden aufgegeben und sich ein Haus am Jakobsweg gekauft, in das ich zufällig gestolpert bin. Dort laden sie Pilgernde ein, sich gegen Spende zu stärken und an einen Tisch zu setzen. Sehr schnell kommt man ins Gespräch und erfährt dann mehr. Sowohl zur Vorbereitung als auch während und nach dem Camino sehr anregend ist der “Inner Camino Podcast” (https://www.dannyvermeeren.nl/blog?tag=innercaminopodcast) , den man auf verschiedenen Plattformen anhören und sogar ansehen kann. Ab da ist mir das Thema “innerer Weg” immer wieder begegnet.
Videos
Zwischendurch habe ich ein paar Videos gedreht. Bitteschön:
Impressionen
Und hier eine Auswahl meiner vielen Bilder. Zur Erinnerung an Mitpilgernde habe ich noch viel mehr gemacht, aber die will ich hier nicht einfach ungefragt zeigen. Wenn ich mal mehr Energie habe als heute, füge ich vielleicht noch Bildunterschriften hinzu.
Feedback und Fragen
Wer Fragen hat, darf sich gerne an mich wenden, inzwischen bin ich ja fast schon ein alter Pilgerhase. Und natürlich freue ich mich auch über Feedback und ein Danke in den Kommentaren unten.





































































































































































































































































































































































































































