Die Volxbibel ist der wohl radikalste Versuch, Luthers Anliegen einer Bibel, die jedermann verstehen kann, in die Tat umzusetzen. Martin Dreyer, der Gründer der Jesusfreaks, hat sich von seiner Arbeit in einem Kölner Jugendzentrum inspirieren lassen und viele Bilder der Bibel überraschend und radikal in die Gegenwart übertragen.

Ich habe diese Impulse vorbereitet für einen Nachmittag im Birkacher Bibelcafé, wo wir gut miteinander ins Gespräch gekommen sind. (http://www.ev-kirche-birkach.de/angebote-gruppen-kreise/erwachsene/birkacher-bibelcafe/). Dort gibt es im Lauf des Winters noch weitere spannende Veranstaltungen (http://www.ev-kirche-birkach.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_birkach/Dokumente/BBC_2017-18.pdf).

Wer steckt dahinter?

Martin Dreyer (*1965)  ist ein unkonventioneller Theologe und Schriftsteller. Während seiner charismatisch geprägten Pastorenausbildung am Anskar-Kolleg in Hamburg und einer therapeutischen Ausbildung im Drogen- und Suchtbereich gründete er 1991 in Hamburg die „Jesus Freaks“, einen Jugendverein den er sechs Jahre als Pastor leitete. Die Idee der Jesus Freaks war es, einen Ort zu haben, an dem sich – ähnlich wie bei der amerikanischen von der Hippie-Kultur geprägten Jesus-People-Bewegung – „Freaks, Punks, Hippies und Szeneleute“ wohl fühlen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_Freaks). Die Ausdrucksformen dieser Kultur prägten die Treffen und Räumlichkeiten. Dreyer studierte noch Sozialpädagogik und wurde ab 2002 pädagogischer Mitarbeit in einem Jugendzentrum in Köln. 2005
(Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Dreyer_(Schriftsteller) )

Woher kommt der Name?

Der Titel der Bibelübertragung lehnt sich an die sog. „Volxküchen“ an, wo gemeinsam gekocht und gegessen wird und jeder, der möchte, an einer Mahlzeit teilnehmen kann. Außerdem vermutlich an Luthers berühmte Formulierung aus dem Sendbrief vom Dolmetschen (1530):

man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deutsch reden, wie diese esel thun, sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den und mercken, das man Deutsch mit jn redet.

Übrigens hat Martin Dreyer 2015 auch Luthertexte neu übertragen (Martin Dreyer, Martin reloaded. Luthers Schriften für alle, S. 161f)  – Darin gibt es auch eine anregende Übertragung von Luthers kleinem Katechismus). In seiner Sprache klingt das so:

Es macht keinen Sinn, Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort aus dem Lateinischen zu übersetzen, wie es diese Deppen machen. Man muss den Sinn dahinter verstehen und rüberbringen. Wer ein leicht verständliches Deutsch schreiben will, darf nicht im Lateinbuch schauen, wie das geht. Sondern muss die Hausfrau, die Str|aßenkinder, den Verkäufer beim Aldi an der Kasse fragen. Es ist wichtig, ihnen zuzuhören und von ihnen zu lernen. Schau dem Volx auf die Fresse! (Hervorh. T. E.) Wie drücken die Normalos gewisse Dinge aus? Was sind ihre Worte? Welche Begriffe benutzen sie? Und dann sollte man sich ans Übersetzen machen. Dann verstehen genau die es auch und schnallen, dass man Deutsch mit ihnen redet.

Die Volxbibel ist keine gründliche Übersetzung, die den Urtext nimmt, die exegetische Fachdiskussion berücksichtigt und dann sorgfältig abwägend eine deutsche Formulierung findet. Sie ist eine freie Übertragung der Bibel in eine jugendliche Szenesprache, die versucht, heutige Bildwelten an die Stelle der biblischen zu setzen. Heute bewegen wir uns täglich mit dem Smartphone im Internet statt mit der Hacke aufs Feld zu wandern. Wir kaufen im Supermarkt ein und füllen uns nicht Vorratsscheuern. Wir kennen Cybermobbing und Cyberwar aber zum Glück den Krieg in Deutschlang gerade nicht aus eigener Anschauung. Das versucht Martin Dreyer ernst zu nehmen. Wie gelungen das ist, kann jeder selbst entscheiden. Theologisch gibt es durchaus viele Anfragen an seine Übertragung, als die Texte neu auf dem Markt waren, brach sogar ein riesiger Sturm der Entrüstung los, der sich inzwischen aber weitgehend gelegt hat.

Innovation

Die Volxbibel war die erste Bibel weltweit, die mit dem von Wikipedia her bekannten und dort extrem erfolgreichen Prinzip des Crowdsourcings arbeitet. Bis heute kann jeder unter http://volxbibel.de/ Verbesserungen vorschlagen und die Text so aktuell halten. Luther hätte seine wahre Freude daran. Ob es ihn freuen würde, dass heute hier und da immer noch versucht wird, seine Sprache des 16. Jahrhunderts Jugendlichen nahe zu bringen, sei einmal dahin gestellt (mehr dazu unter http://thomas-ebinger.de/2016/11/was-ist-die-beste-konfi-bibel/) Übrigens gibt es mit der Offenen Bibel (https://offene-bibel.de) inzwischen ein Projekt mit einem Wiki-Ansatz, das nicht nur verständlich sein will, sondern auch die exegetische Arbeit als „Zwischentext“ mustergültig darbietet, bevor ein moderner Text als Übersetzung entsteht (vgl.  http://thomas-ebinger.de/2015/08/offene-worte-zur-offenen-bibel-rezension/).

Zur Verbreitung

Die erste Ausgabe, „Version 1.0“, mit einer Auflage von 5.000 Stück, ist am 5. Dezember 2005 erschienen und war nach 15 Tagen vergriffen. Im Januar 2006 wurden 35.000 Exemplare nachgedruckt. Im Mai 2007 durchbrach die Gesamtauflage die Grenze von 100.000 Exemplaren. 2012 wurde die Grenze der Viertelmillion durchbrochen. Die Volxbibel rangierte in der Spiegel-Bestsellerliste der religiösen Bücher im März 2006 auf Rang zwei. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Volxbibel) Insgesamt beträgt die Auflage der Volxbibel wohl inzwischen über eine halbe Million.

Pädagogische Beurteilung

Die Volxbibel ist aus meiner Sicht weniger eine Empfehlung für jemand, der die Bibel neu kennen lernen soll. Dafür ist die Basis-Bibel deutlich besser geeignet. Sie ist inspirierend für jeden, der einen frischen, neuen Blick auf vertraute Bibeltexte bekommen will. Sie eignet sich gut als besondere Lesung in einem Gottesdienst mit Konfis oder Jugendlichen. Besonders gut ist sie für Übersetzungsvergleiche und die vertiefte Arbeit mit einem Bibeltext. Das soll jetzt an einigen Beispielen aufgezeigt werden. (Es folgte ein konkreter Übesetzungsvergleich mit ausgewählten Bibelstellen).

Verwendete Literatur

Monika und Rainer Kuschmierz, Handbuch Bibelübersetzungen. Von Luther bis zur Volxbibel, Brockhaus Verlag Wuppertal 2007Martin Dreyer, Martin Reloaded. Luthers Schriften für alle, SCM 2015

Videos

Volxbibel Trailer (2006)  (1:38)

 

Die Volxbibel und Luther (MDR-Reportage 2010) (3:36)

 

500 Menschen bei Jesus (Musik und Bilder mit Bibeltext hinterlegt)

Das Vater unser (1:45)

Was meint ihr?

Ist die Volxbibel eine empfehlenswerte Bibel für Jugendliche? Oder verhindert sie womöglich, dass man sich ernsthaft mit ihr beschäftigt? Kommentare und Diskussion gerne unten eintragen.

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Die Volxbibel – dem Jugend-Volk aufs Maul geschaut
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