Für unser württembergisches Evangelisches Gemeindeblatt (http://www.evangelisches-gemeindeblatt.de/) durfte ich dieses Jahr zum württembergischen Konfirmationssonntag Rogate (vgl. die Konfirmationsordnung) einen geistlichen Impuls schreiben. Das Gemeindeblatt wird eher selten von Konfis gelesen, deshalb diesen Text bitte nicht als Konfirmationspredigt oder als an Konfis gerichteten Text missverstehen! Aber vielleicht finden sich ja doch Anregungen, falls man sich auf das schöne Motiv “Weg/Lebensweg/Glaubensweg” einlässt. In Württemberg sind für die Konfirmationssonntage übrigens in der Agende sechs Predigttexte vorgesehen,  an die sich aber kaum jemand hält. Ich habe es für diesen Zweck getan und dabei eine spannende Entdeckung gemacht.

Geistlicher Impuls zu Matthäus 7,13-14 (Predigttext für die Konfirmation 2015)

Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen.
Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden! Mt. 7,13-14

Auf die Frage „Worauf freust du dich im neuen Jahr?“ antwortete mir ein Konfirmand: „Da werde ich vierzehn und damit endlich strafmündig.“ Dass es etwas Schönes ist, haftbar gemacht zu werden, darauf wäre ich nicht gekommen. Aber es stimmt: „Eltern haften für ihre Kinder“ mag man irgendwann nicht mehr lesen auf der Baustelle des eigenen Lebens.

Der Predigttext zur Konfirmation, die in Württemberg um den Sonntag Rogate herum vollzogen wird, ist sicher keiner, auf den man ohne Weiteres kommt, wenn man mit den Konfis nach Themen und Texten sucht. Auch aus Sicht der Pfarrer/innen und der Gemeinde zuckt man zusammen: Da hat man eine große, schick gekleidete Gruppe Jugendlicher vor sich, die alle „Ja“ sagen zum Glauben, zu ihrer Taufe, zur Kirche und feierlich den Segen empfangen. Und dann sagt man ihnen ins Gesicht: Nur wenige von euch werden den richtigen Weg finden. Ist nicht gerade die Konfirmation die Kasualie der Volkskirchlichkeit, das breite Eingangstor in die Kirche, wo mancher mehr über die Schwelle getragen wird statt sich mühsam selbst hineinzukämpfen? Vielen von Ihnen wird bei diesem Text das berühmte Bild der Diakonisse Charlotte Reihlen vor dem inneren Auge stehen, bei dem all die schönen Dinge auf der linken Seite am breiten Weg verboten sind: Theater, Lotto und Glücksspiel. Und auf der rechten Seite stehen dann die Kirche, die Sonntagschule und natürlich das Diakonissenhaus.

Spannend ist es, bei diesem Text aus dem Munde Jesu, der zur Bergpredigt gehört, genauer nachzuforschen. Die Rede von den zwei Wegen ist in der Bibel sehr verbreitet, überhaupt in der Antike, wo Herkules am Scheideweg steht und schließlich Frau Tugend folgt statt dem schnellen, einfachen Weg zum Glück. Die Entscheidung für einen der beiden Wege ist aber bei Matthäus wie auch in den Psalmen und der Weisheitsliteratur des Alten Testaments keine einmalige, sondern eine alltägliche. In jeder Entscheidungssituation muss ich mich als Christ fragen: Wähle ich den bequemen Weg, den die meisten gehen, oder gehe ich den Weg der Gerechtigkeit, den Jesus uns vorgelebt hat, zu dem er uns gnädig befähigt?

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Ulrich Luz stellt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium die verbreitete Vorstellung vom Verhältnis von Tor und Weg auf den Kopf. Das Tor steht gar nicht am Anfang, sondern am Ende des Weges. Das Tor ist ein Bild für das Ziel des Weges. Damit können die Tore der Himmelsstadt genauso gemeint sein wie die Tore des Paradieses oder des Tempels.

Bei der Konfirmation durch die Kirchentür einzuziehen ist schön, es tut gut, wenn sich die Gemeinde ehrend erhebt. Aber das ist nicht die eine Entscheidung, von der der künftige Weg abhängt. Es ist nur ein Schritt auf dem Weg. Und längst sind auch Konfirmand/innen nicht mehr überall die gefühlte Mehrheit in ihrer Schulklasse, schon gar nicht im Osten Deutschlands. Es ist manchmal hart und beschwerlich, den Weg der Gerechtigkeit und des Glaubens zu gehen – das meint die Aussage vom schmalen Weg wörtlich. Das wissen Jugendliche schon früh, die in einem Alter sind, in dem man den Gruppendruck der Gleichaltrigen am stärksten spürt. Aber ihnen wie jedem, der sich ehrlich auf den Weg macht, gilt der Segen Gottes.

Und jetzt: Wie ist das mit den Wenigen, die diesen Weg finden. Was geschieht mit den vielen, die auf dem falschen, breiten, bequemen Weg weitertrotten? Und sind wir als Kirche auf dem richtigen Weg, wenn wir nach den Vielen schielen statt auf den Einen zu sehen, der uns am Ende des Weges erwartet? Die Frage zu stellen ist richtig. Auf andere mit dem Finger zu zeigen und zu sagen: „Du bist garantiert auf dem falschen Weg“, ist es selbst sicher nicht. Wenige Minuten zuvor hat Jesus in der Bergpredigt seine Jünger ermahnt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. (…) Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Mt. 7,1-3)

Werden und bleiben wir mündig und gestehen es unseren jugendlichen Mitchristen zu, ihren eigenen Weg mit Gott zu gehen. Ich bin mir sicher: Viele von ihnen sind gut unterwegs!

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Konfirmation – Der breite und der schmale Weg
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