Nachdem ich gestern beim Bügeln im SWR zufällig in „Zur Sache Baden-Württemberg“ (hier nachzusehen) reingeschaut habe, wollte ich dem heftigen Streit um die baden-württembergischen Bildungspläne auf den Grund gehen und dachte, es lohnt sich, ein wenig Klarheit in das Thema hineinzubekommen, nämlich durch Information und Transparenz, was sich unsere Landesregierung ja zu Recht auf die Fahnen geschrieben hat.

Dieses Dokument hier musste ich leider viel zu lange suchen, es scheint der Auslöser der Debatte zu sein:

http://www.kultusportal-bw.de/site/pbs-bw/get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/kultusportal-bw/Bildungsplanreform/Arbeitspapier_Leitprinzipien.pdf

Irgendwie scheint das Thema „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ nachträglich in die Leitprinzipien hineinkonstruiert zu sein, obwohl es – wie die Debatte um Thomas Hitzlsperger zeigt – durchaus seine Berechtigung hat. Die fünf Leitprinzipien der neuen Bildungspläne lauten nämlich so:

  1. Berufliche Orientierung
  2. Bildung für nachhaltige Entwicklung
  3. Medienbildung
  4. Prävention und Gesundheitsförderung
  5. Verbraucherbildung
Das klingt recht harmlos, doch die ausgeführten Beispiele in der Tabelle lassen schon aufhorchen.
Die Stellungnahme von Kultusminister Stoch (http://www.kultusportal-bw.de/,Lde/Startseite/schulebw/Sexuelle+Vielfalt) liest sich so:

Dass sich der Bildungsplan am christlichen Menschenbild in Landesverfassung und Schulgesetz orientiert, ist selbstverständlich, betonte Stoch. Entsprechend werden die Aspekte Familie, Eltern und Ehe in den neuen Bildungsplänen wie bisher auch verankert. Wenn ich akzeptiere, dass es andere Lebensformen gibt, stelle ich schließlich damit die Institutionen Familie und Ehe keineswegs in Frage. Dieser Vorwurf ist falsch.  Im Übrigen ist die Thematik ja nicht neu und auch in den bestehenden Bildungsplänen in verschiedenen Unterrichtsfächern verankert.

Aber passt das zu dem, was im Arbeitspapier steht? Nicht so ganz, denn von diesem christlichen Menschenbild liest man in den Leitprinzipien nichts, die Institution Ehe wird nicht erwähnt, es ist nur die Rede von „klassischen Familien“ (was auch immer das sein mag). Wer liest schon in der Landesverfassung nach, wenn er seinen Unterricht vorbereitet?

Für meinen Geschmack braucht es in der Debatte mehr Klarheit in den Kategorien. Wo geht es um biologische Zusammenhänge, wozu im weiteren Sinne auch das sexuelle Begehren gerechnet werden muss, das nicht beliebig veränderbar ist. Wo geht es um das Ausleben von Sexualität, das wie wir alle wissen, in verschiedenen Formen möglich ist und dadurch verschiedene Kulturen begründet. Polygame und monogame Kulturen sind z. B. ein großer Unterschied, obwohl sie auf die gleiche heterosexuelle Orientierung zurückgehen. Schon durch das Beispiel Polygamie und Monogamie wird deutlich, dass das Thema auch Wertefragen impliziert. Immerhin hat eines der zehn Gebote das Thema Ehebruch. Vielleicht hat deshalb ein kluger Mensch im Kultusministerium das Q bei LSBTTIQ weggelassen, denn Polyamurie zählt am ehesten zu „Queer“, wofür das Q steht. Was das ist, musste ich zuerst beim allseits beliebten Wikipedia nachschlagen.

Eine zweite kategoriale Grundunterscheidung ist die zwischen Akzeptanz und Toleranz. Was ich akzeptiere, finde ich gut, nehme ich so als in Ordnung an. Was ich toleriere, finde ich (für mich) eigentlich nicht gut, lasse es aber bei anderen stehen, weil es Teil ihrer Freiheit ist. Dass Schule Schüler_innen (sic!) Toleranz beibringen soll, ist für mich selbstverständlich. In welcher Form sie ihre Sexualität ausleben, würde ich aber doch gern selbst mit meinen Kindern besprechen und darauf hoffen, dass das eigene Vorbild wirkt.

Was hat das Ganze eigentlich mit Konfirmandenarbeit zu tun, einem der wichtigsten außerschulischen Bildungsfelder? Viel. Gerade in diesem Alter werden sich Jugendliche ihrer sexuellen Identität bewusst.  Unterrichtsentwürfe, die dieses Thema sensibel und offen angehen und auch Homosexualität und andere Orientierung nicht ausschließen, sind aber absolute Mangelware. Jungen- und Mädchenthemen gibt es genug, aber oft verstärken sie eher die typischen Geschlechtermerkmale, die ich nicht Stereotypien nennen will, weil es eben doch Unterschiede gibt zwischen Männern und Frauen, die nicht gendermäßig sozial erworben sind.

Falls da jemand gute Ideen hat, wie man diese Thematik in Form von Praxisbausteinen sensibel angehen kann, immer her damit.

Zum Schluss noch ein paar Links:

Landesbischof July betont zwar, dass er kein protestantischer Papst sei, der abschließend sagt, was richtig oder falsch sei. Für Fans des Latein: Roma locuta, causa finita. Aber ich werde damit die Liste der Nachträge und eine intensive Diskussion auf Facebook und Twitter, u. a. mit Volker Beck, erst einmal beenden.

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Akzeptanz sexueller Vielfalt

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