Angestoßen durch diesen Twitter-Post zu 69 Jahren Land Baden-Württemberg kam ich auf die Idee, eine kleine Twitter-Umfrage zu machen.

Das Ergebnis ist erstaunlich eindeutig und ergibt eine satte Zweidrittelmehrheit. Natürlich ist das keine repräsentative Umfrage – allerdings wage ich die Prognose, dass eine solche unter allen Kirchenmitgliedern Badens und Württembergs gar nicht so viel anders ausfallen würde. Immer wieder begegnen mir Menschen, die gar nicht wissen, dass sie nicht Mitglieder einer baden-württembergischen Landeskirche sind …

 

Deshalb hier meine 10 Argumente, warum es überfällig ist, einen Zusammenschluss beider Landeskirchen zu wagen:

  1. Kirche muss öffentlich sichtbar bleiben: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass es für kleine Kirchen schwer ist, sichtbar zu bleiben.
  2. Jede (Pfarr-)Stelle, die oben gestrichen und unten erhalten werden kann, ist eine gewonnene Stele. Da Stellen, die in der Kirchenhierarchie höher stehen in der Regel auch besser dotiert sind, ließe sich hier teilweise sogar ein Ausbau von Stellen realisieren.
  3. Klare Ansprechpartner für den Staat: Wenn es in Baden-Württemberg um neue Bildungspläne für den Religionsunterricht geht, muss man sich mit 2 evangelischen Landeskirchen und zwei Diözesen ansprechen.
  4. Die räumliche Abgrenzung von Landeskirchen kann heute pragmatischen Argumenten folgen; Differenzen im Bekenntnisstand (uniert vs. lutherisch) dürfen heute keine Rolle mehr spielen. Geschichtlich wurden hier viele Möglichkeiten gefunden und erprobt, wie man die unterschiedlichen Bekenntnistraditionen evangelischer Gemeinden und Landeskirchen unter einem Dach vereinen kann. Unterschiedliche Frömmigkeitsprofile von Gemeinden gibt es in beiden Landeskirchen und werden von jeweils verschiedenen Seiten m. E. interessegleitet überbetont.
  5. Es spart Geld und Ressourcen: Nach der Corona-Krise wird das Geld in der Kirche deutlich knapper sein. In Zeiten der Digitalisierung muss für viele Zwecke das Geld – etwas für Softwarelösungen – nur noch einmal ausgegeben werden statt zweimal. Als Dozent am ptz Stuttgart habe ich erlebt, dass die Zusammenarbeit von zwei selbständigen Instituten nicht nur Vorteile brachte, sondern auch viele Reibungsverluste.
  6. Gestaltung statt Verwaltung: Alle Stellen, die in der Kirchenleitung bei der Verwaltung eingespart werden können, werden frei für den Erhalt von Stellen an der Basis, dort wo Kirche und Gemeinde lebt und Menschen mit der Botschaft des Evangeliums erreicht. Gleichzeit können Farbtupfer und Akzente über Dienste und Sonderstellen so besser aufgestellt und gebündelt werden. Nicht jede Landeskirche muss dann noch alles machen.
  7. Es ist ein klares Zeichen der Handlungsfähigkeit von Kirche(n). Statt nur wie Kaninchen auf die Schlange der Austrittszahlen zu starren, nimmt man die Zukunftsgestalt von Kirche selbst in die Hand. Ein Zusammenschluss könnte an vielen Stellen die dringend notwendige Überprüfung gewachsener Strukturen auf Leistungsfähigkeit und Gemeindedienlichkeit hin anstoßen.
  8. #Digitalekirche sprengt ohnehin räumliche Grenzen: Stellen, die hier überfällig sind für kirchliche Online-Communitys, könnten breitere Wirksamkeit entfalten.
  9. Jesus hat uns ermutigt nach vorn zu schauen: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Besitzstandswahrung kann kein Argument sein.
  10. Die Baden-Württembergische Landeskirche hätte im Rahmen der EKD eine stärkeres Gewicht und könnte ihr Profil besser geltend machen. Interessant ist dafür die nach Mitgliedzahlen sortierte Tabelle der Landeskirchen auf Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Landeskirche) sowie die aktuellere EKD-Statistik-Seite https://www.ekd.de/statistik-20-landeskirchen-44288.htm . Württemberg ist derzeit die fünfgrößte Landeskirche mit knapp 2 Millionen Mitgliedern, Baden die achtgrößte mit ca. 1,1 Millionen Mitgliedern. Nach einem Zusammenschluss wäre sie auf einen Schlag die größte der Landeskirchen und könnte damit der aus Hannover dominierten EKD, die im Gebiet der mitgliederstärksten Landeskirche ihre Verwaltung hat, ein starkes Gegenüber sein. Der deutliche Größenunterschied beider Landeskirche dürfte einen Zusammenschluss eher erschweren, allerdings würde die kleiner Landeskirche vermutlich auch stärker profitieren.

Landeskirchenliste vor und nach einem Zusammenschluss

Daten aus https://www.ekd.de/statistik-20-landeskirchen-44288.htm

aktuell

Gliedkirche Kirchenmitglieder Gemeinden
Hannover 2.482.015 1.379
Rheinland 2.453.379 687
Bayern 2.297.528 1.536
Westfalen 2.150.027 476
Württemberg 1.957.088 1.209
Nordkirche 1.939.750 969
Hessen und Nassau 1.483.767 1.127
Baden 1.116.079 481
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz 914.260 1.181
Kurhessen-Waldeck 783.980 715
Mitteldeutschland 677.436 1.833
Sachsen 663.525 681
Pfalz 494.757 401
Oldenburg 397.903 116
Braunschweig 320.900 328
Bremen 180.955 64
Reformierte Kirche 168.537 145
Lippe 152.409 69
Schaumburg-Lippe 49.269 22
Anhalt 29.649 133

nach dem Zusammenschluss

Gliedkirche Kirchenmitglieder Gemeinden
Baden-Württemberg 3.073.167 1690
Hannover 2.482.015 1.379
Rheinland 2.453.379 687
Bayern 2.297.528 1.536
Westfalen 2.150.027 476
Nordkirche 1.939.750 969
Hessen und Nassau 1.483.767 1.127
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz 914.260 1.181
Kurhessen-Waldeck 783.980 715
Mitteldeutschland 677.436 1.833
Sachsen 663.525 681
Pfalz 494.757 401
Oldenburg 397.903 116
Braunschweig 320.900 328
Bremen 180.955 64
Reformierte Kirche 168.537 145
Lippe 152.409 69
Schaumburg-Lippe 49.269 22
Anhalt 29.649 133

Diskussion

Ich werde an die beiden Vorsitzenden der landeskirchlichen Synoden eine Email senden mit einem Hinweis auf diesen Blogbeitrag. Wie immer freue ich mich, wenn es auch hier auf dem Blog eine rege Diskussion gibt.

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Die Baden-Württembergische Landeskirche hat eine Zweidrittelmehrheit – 10 Argumente für einen Zusammenschluss
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7 Kommentare zu „Die Baden-Württembergische Landeskirche hat eine Zweidrittelmehrheit – 10 Argumente für einen Zusammenschluss

  • 2. Mai 2021 um 11:20
    Permalink

    Also wir leben hier quasi auf dem Gartenzaun und pflegen gute Nachbarschaft. Dem badischen Landesbischof habe ich schon öfters die Hand gegeben, dem eigenen noch gar nicht.
    Andererseits: Der württ. Landesbischof war lange Jahre Vizepräsident des Luth. Weltbunds, während die Ekiba dort gar nicht Mitglied ist. Der badische Landesteil wird im Luth. Weltbund durch den lutherischen Superintendenten von Karlsruhe vertreten, der wiederum nicht zur Ekiba gehört. Zwar spielt die Konfessionalität in Württ. meistens keine so profilierte Rolle, aber das ist eine Provinzialität. International sind wir als lutherische Kirche erkennbar, als “evangelische” nur sehr verschwommen.
    Zu Nr. 2, Stichwort Pfarrstellenstreichung: Die EKD und viele Kirchenleitungen sind sowieso der Meinung, dass die Hälfte der Pfarrer:*Innen und der Kirchengemeinden viel zu borniert sind und getrost gestrichen werden können, die Badischen sind da auch weiter gegangen als Württ. Und in Württemberg hat man für jede gestrichene Pfarrstelle gleich zwei Stellen in der Verwaltung aufgestockt. Also, bei der Nummer mache ich mir eh keine Hoffnung.

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  • 2. Mai 2021 um 9:01
    Permalink

    Gut gesprochen. Wenn sie schlau sind, arbeiten auch Kirchen an den Rändern der beiden Kirchen zusammen als gute Nachbarn und erodieren so subversiv, tapfer und zukunftsgewandt die bestehende kirchliche Grenze Baden/Württemberg.
    Allerdings sind die Verantwortlichen für eine solche Entscheidung interessengeleitet: da würde man den Bock zum Gärtner machen – das ist eine schwer zu überwindende Hürde.

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    • 2. Mai 2021 um 9:02
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      es muss heißen “arbeiten auch Kirchengemeinden….”

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  • 2. Mai 2021 um 8:15
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    Und spart der ELKB wahrscheinlich viel Abstimmungsaufwand, den sie in gute kirchliche Strukturen investieren kann. Nach meinem Eindruck steht die Bayerische Landeskirche recht gut da im Vergleich zu anderen Landeskirchen. Und stellt – wen wundert’s – den EKD-Ratsvorsitzenden, während Württemberg (wohl auch wegen seines Gaststatus bei der VELKD) immer um seinen Platz in den wichtigen Gremien kämpfen muss.

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    • 2. Mai 2021 um 11:32
      Permalink

      Schon 1937 hatte der Württ. Landesbischof den anderen lutherischen Landeskirchen verbindlich versprochen, bei der Gründung der velkd mit dabei zu sein. Nach dem Krieg hat man sich dann anders entschieden. Aber das könnte man schon noch nachholen …

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  • 1. Mai 2021 um 12:20
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    Ich wundere mich immer darüber, dass die bayerische Landeskirche die einzige ist, die einem Bundesland entspricht… Aber das war halt Zufall der Geschichte…

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    • 2. Mai 2021 um 11:36
      Permalink

      Ja, das war Zufall. Denn in Bayern gab es auch zwei Landeskirchen: Die eine rechts des Rheins, die andere links des Rheins. Nach dem zweiten Weltkrieg gehörte die Pfalz dann nicht mehr zu Bayern, so dass erst seitdem die bayerische Landeskirche auch mit dem Bundesland kongruent ist.

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