Toleranz. Wo sie wichtig ist und wo sie schadet, Wilfried Härle, 185 S., 24,95 Euro, De Gruyter 2026
Alten weißen Männern sagt man nach, dass sie immer intoleranter
werden. Anders ist das bei Wilfried Härle. Sein neuestes, mit über 80 Jahren verfasstes Buch trägt den schönen Titel “Toleranz”. Und weiterhin lohnt es sich, den Texten dieses alten weisen Mannes Aufmerksamkeit zu schenken. Ihm gelingt es, in Zeiten zunehmender Intoleranz und der Aufspaltung von Diskursen in Filterblasen wohltuend nüchtern aus einer evangelischen Perspektive heraus Licht ins Dunkel der populistischen Begriffsverwirrung zu bringen.
Zum Grundansatz
Härle orientiert sich in seinem Toleranzverständnis an Aussagen des Reformators Martin Luther, in dessen Texten sich die erste deutsche Verwendung von Toleranz findet. Luther spricht einerseits von der Toleranz Gottes gegenüber dem Sünder, wo Toleranz den Charakter von Erduldung, Erleiden und Ertragen hat. Andererseits gibt es die davon abgeleitete Bedeutung von Toleranz nach Gal. 5,22 als Frucht des Geistes, die sich gegenüber dem Mitmenschen in Form von Langmut und Geduld zeigt (S. 2).
Entschieden lehnt Härle ein starkes Toleranzverständnis ab, das Toleranz mit der inhaltlichen Anerkennung einer Position verwechselt, die nicht die von einem selbst als wahr erkannte und behauptete ist. Und neben Toleranz und Intoleranz betont der die Wichtigkeit der “Nicht-Duldung”.
“Dabei erscheint es mir als nicht sinnvoll und angemessen, alle Akte oder Maßnahmen der Nicht-Duldung als ‘intolerant’ oder als Ausdruck von ‘Intoleranz’ zu bezeichnen und damit ethisch zu verurteilen .So wäre es z. B. nicht angemessen, die Nichtduldung von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (…) als einen Ausdruck von Intoleranz zu charakterisieren. Aber sehr wohl ist es angemessen, in solchen Fällen vom ‘Nicht-Dulden‘, von ‘Null-Toleranz‘ bzw. von ‘zero tolerance‘ zu sprechen. Deswegen unterscheide ich in diesem Buch durchgehend zwischen ‘Intoleranz’ und ‘Nicht-Duldung’. Ich verstehe dabei unter ‘Intoleranz’ die grundsätzliche Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft, abweichende, als kritikwürdig empfundene Personen, Einstellungen, Handlungen oder Gegebenheiten zu dulden. Hingegen verstehe ich unter Nicht-Duldung die konkrete Entscheidung, bestimmte aus gewichtigen Gründen als kritikwürdig beurteilte Einstellungen oder Handlungen nicht zu dulden, sondern tatkräftig abzulehnen und ihnen mit geeigneten Mitteln entgegenzutreten. (S. 7)
Konkretionen und Differenzierungen
Erstaunlich weit kommt Wilfried Härle dann in verschiedenen geschichtlichen und sachlichen Bereichen herum, es geht um strafrechtliche und verfassungsrechtliche Regelungen, um den kirchlichen Umgang mit Irrlehren, um Toleranz zwischen gesellschaftlichen Kräften und Parteien, um systematische Theologie und Kirchenrecht.
Auch auf Grenzsituationen wie Suizid, Schwangerschaftsabbruch, Notwehr und Verteidigungskrieg wendet er die gewonnenen Erkenntnisse an. Schön ist dabei das Aufgreifen einer Formulierung, die oft bei Martin Luther vorkommt: “durch die Finger sehen” als Bild dafür, etwas großzügig zu übersehen, was von Luther oft positiv gemeint ist (S. 44f).
Grundsätzlicher wird es noch einmal in Kapitel 4, wo es um die Voraussetzungen geht, auf den Toleranz basiert. Hier nennt Härle fünf wichtige Überzeugungen, nämlich die von der Wahrheit grundlegender Gewissheiten, von der relationalen Verfasstheit des Menschen, von der unantastbaren Würde aller Menschen, von der Fehlbarkeit jedes Menschen und vom gesellschaftlichen Pluralismus.
Weiterdenkend auf der lutherischen Spur einer Unterscheidung der (göttlichen) Toleranz der Gnade und der menschlichen Toleranz der Vernunft führt Härle einen klassischen Gedanken aus: die Unterscheidung zwischen einer Person und ihren (Un-)Taten: “Das eröffnet die Möglichkeit, zwischen der Tolerierung einer Person und der Nicht-Duldung ihrer Worte und Taten zu unterscheiden, ohne sich damit in einen Widerspruch zu verwickeln.” (S. 78) Auch aus der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre lassen sich hier weitere Erkenntnisse gewinnen.
Sehr ausführlich geht Härle schließlich noch auf einige Praxisfelder der Toleranz ein. Anregend fand ich besonders die Überlegungen zur Toleranz im Verhältnis zu sich selbst. Schwer getan habe ich mich damit, die Vorschläge zur Überwindung des Nahostkonflikts nachzuvollziehen, die m. E. zu sehr auf die religiöse Legitimation von Besitz- und Anerkennungsansprüchen abheben.
Die Pfingstpredigt
Als ich die Pfingstpredigt las, die als Anhang beigegeben ist, musste ich schmunzeln, kam sie mir doch sehr bekannt vor. Wilfried Härle hat sie am 8. Juni 2025 auf unserer Kemnater Kanzel gehalten, als wir gemeinsam mit ihm unser Leseprojekt zu seinem Buch “Ja, aber” (siehe meine Rezension) vorstellten. Offensichtlich waren Kerngedanken der Predigt schon vom neuen Buchprojekt bestimmt. Hier kann man sie – etwas ausführlicher als abgedruckt – nachschauen:
Fazit
Wilfried Härle hat zu Begriff und Fragen der Toleranz ein philosophisch und theologisch anspruchsvolles, tiefgründiges und klärendes Buch vorgelegt, das gewinnbringend zu lesen ist und tief hineinführt in Geschichte und Gegenwart von Meinungsverschiedenheiten und Problemen des Umgangs mit Differenz. Er zeigt wohltuend, welchen wertvollen Beitrag systematisch reflektierte Theologie zu einem philosophisch-gesellschaftlichen Diskurs leisten kann. Beeindruckend und anregend zu lesen ist die durchgearbeitete Anzahl von Sachgebieten, auch und gerade weil man da manches mal durchaus anderer sachlicher Meinung sein kann.
Feedback
Welche Bedeutung hat für euch Toleranz und was versteht ihr darunter? Könnt ihr den von der Toleranz Gottes herkommenden Toleranzbegriff Härles nachvollziehen? Wie hat euch die Rezension gefallen? Wie immer freue ich mich über Reaktionen auf diesen Beitrag unten in den Kommentaren.




