Es ist immer schön, ein Buchprojekt im Entstehen zu begleiten. Selten habe ich auf eine Rundmail an die württembergische Pfarrerschaft so viel Rückmeldung erhalten wie auf das Angebot, seinen Katechismus im Entwurfsstadium zu erhalten und ihm persönlich Rückmeldung zu geben. War es das bevorstehende Reformations-Gedächtnis-Dauerjubeljahr? Vermutlich nicht allein.

Auszug aus der Rundmail 27.4.2016

Katechismus von Wilfried Härle

Prof. Wilfried Härle hat für einen Wettbewerb der badischen Landeskirche einen Katechismus verfasst und einen Preis damit gewonnen, siehe http://wilfried-haerle.glauben2017.de/ . Zusammen mit Klaus Engelhardt, Gottfried Gerner-Wolfhard und Thomas Schalla hat er diesen Text weiterentwickelt und als Heft drucken lassen. Er wünscht sich nun Rückmeldungen zu diesem Text und hat mir einige Exemplare zum Versand zur Verfügung gestellt. Wer ein solches Exemplar haben will, muss versprechen eine Rückmeldung zu geben und den Text möglichst mit Jugendlichen ab dem Konfirmandenalter zu lesen. Dahinter steht die Fragestellung, wie man den Text noch verändern müsste, damit er – vermutlich als Buch – tatsächlich für die Arbeit mit Jugendlichen geeignet ist. Wer ein Exemplar will, bitte kurze Email an thomas.ebinger@elk-wue.de . Es reicht, im Betreff zu schreiben: Zusendung Katechismus Härle. Die Rückmeldung bräuchte ich bis Mitte Juni.

Es gibt nach meiner Beobachtung tatsächlich eine große Sehnsucht nach klaren, knappen, grundlegenden, modernen, gut verständlichen, theologisch reflektierten, biblisch orientierten Texten über die Grundlagen des Glaubens. Genau das wollten Luthers Katechismus einmal sein. Dass ihr Abstand zur Gegenwart mit den Jahren wuchs, ist nicht ihre Schuld. Schuld an einer Erstarrung der Katechismustradition war ein traditionsfixierter Umgang diesem altehrwürdigen Katechismus, der übersah, dass nicht Luthers prägnante Theologie, sondern die Heilige Schrift die Norm unseres Glaubens ist. (Vgl. dazu Der Katechismus in der Konfi-Arbeit. Folterwerkzeug oder hermeneutischer Schlüssel?)

Der emeritierte und hoch anerkannte Systematiker Wilfried Härle hat neben seinen wissenschaftlichen Lehrwerken, von denen vor allem die trotz ihres hohen Preises demnächst in fünfter Auflage erscheinende Dogmatik (http://d-nb.info/114451794X) längst ein Klassiker ist, auch zahlreiche leichter verständliche Bücher geschrieben, die reflektiert in den christlichen Glauben einführen und auch skeptische Zeitgenossen erreichen wollen.

Es ist sicher kein Zufall, dass dieser Katechismus vor dem Hintergrund der Heidelberger Lehrtätigkeit und einer unierten Tradition entstanden ist, die sich in Sachen Katechismus nicht einfach auf die Tradition berufen konnte, sondern beständig mit der Frage nach einem Einheitskatechismus als “Best of” der lutherischen und der reformierten Tradition, besonders des Heidelberger Katechismus, beschäftigt war. (Vgl. dazu meine Rezension Johannes Ehmann, Die badischen Unionskatechismen). Immer noch kann man im Internet die Urfassung des jetzt in Buchform vorliegenden Katechismus nachlesen – eine einmalige Quellenlage für künftige Katechismusforscher ( https://wilfried-haerle.glaubeweiter.de/2014/04/17/katechismus-heute/).

Die Rückmeldungen zum Entwurf waren in ihrem Tenor klar und haben dazu geführt, dass Härles Katechismus jetzt für Erwachsene gedacht ist, eine Einschätzung, die ich teile. Das heißt aber nicht, dass er nicht fruchtbar wäre für die Konfi-Arbeit. Denn jeder, der den Glauben bezeugen und weitergeben will, sollte in eigenen Formulierungen klar und verständlich sagen können, was die Grundlagen des christlichen Glaubens sind. Dafür ist Härles Text gerade in seiner Knappheit und Konzentration eine unschätzbare Hilfe.

Die erste Frage des Katechismus wurde zum Buchtitel: “Worauf es ankommt”. Die Antwort: Das Leben in erster Linie als Gabe Gottes und erst in zweiter Linie als Aufgabe zu sehen. Das führt zu einer dankbaren Grundhaltung. Wie auch in seiner Dogmatik betont Härle die Liebe Gottes als die wichtigste seiner Eigenschaften, weil sie sein Wesen ausmacht.

Beim erneuten Lesen der inspirierenden, manchmal auch etwas konstruierten Fragen und der immer weiterführenden Antworten sind mir einige Dinge aufgefallen, die ich hervorheben will:

  • Frage 21/24: Bei den wichtigsten Geboten nennt Härle neben Dekalog und Doppelgebot der Liebe auch die Goldene Regel. Ich finde das richtig und wichtig, bietet doch die Goldene Regel wichtige Anknüpfungspunkte für das interreligiöse Gespräch (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Regel)
  • Frage 107-121 (Gottes Wirken in der Welt) sind m. E. besonders wichtig für Jugendliche, die immer weniger ein naturwissenschaftliches Weltbild mit den christlichen Aussagen zur Schöpfung und zum Wirken Gottes in der Welt (Erhaltung) zusammenbekommen. Hier ist es wichtig zu betonen, dass der Zugang zu Wundern nicht in erster Linie gelingt, indem man von der Vorstellung der Durchbrechung von Naturgesetzen ausgeht. Ähnliches gilt für die Frage, ob und wie Beten wirkt.
  • Frage  172 (“Werden alle Menschen an Gottes ewigem Leben Anteil haben?”) bleibt offen und damit einer der spannendesten Fragen der Theologie. Härle betont, dass wir das Gericht ganz Gott überlassen sollen und schließt nicht aus, dass es zu einer Errettung aller Menschen kommen kann. Gefällt mir!

Innen ist das Buch sehr schön und anregend gestaltet. Bilder und kurze, auch kritische und zweifelnde Texte, laden zur Diskussion und zum Weiterdenken ein. Etwas merkwürdig mutet allerdings die Gestaltung des Titels an. Auch nach langem Nachdenken weiß ich keine Antwort auf die zugegebenermaßen nicht besonders brennende Frage, warum “es” kursiv gesetzt werde. Ich muss da eher an Stephen Kings “It” denken (https://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_Kings_Es). Auch die Wolken sind mir zu nebulös. Ein Katechismus soll Klarheit und Durchblick verschaffen, der Blick in den Wolkenhimmel des Covers löst bei mir eher den Wunsch nach besserem Wetter aus als Vorfreude auf die Lektüre des Buchs. Vielleicht kann man das bei einer künftigen Auflage ja noch ändern.

Fazit

Für acht Euro – da freut sich das Schwabenherz – erhält man ein wunderbar anregendes Buch, in das gut evangelisch und basisorientiert schon viele Rückmeldungen eingeflossen sind. Es dürfte schwer sein, derzeit einen knapperen und gleichzeitig besser reflektierten Text über die Grundlagen des christlichen Glaubens zu finden. Und wem die Antworten oder die Fragen nicht gefallen, der ist ganz im Sinne Schleiermachers herzlich dazu eingeladen, einen eigenen Katechismus zu schreiben. Jeder Versuch ist es wert! Dieser ist mehr als gelungen.

 

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Rezension “Worauf es ankommt. Ein Katechismus”
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