Arnd Henze, Kann Kirche Demokratie? Wir Protestanten im Stresstest. Herder Verlag Freiburg 2019, 18 Euro (E-Book 13,99), 175 Seiten.

Theologen, die keine Pfarrer werden, haben oft erstaunliche Karrieren, kommen aber doch nicht ganz von ihren Ursprüngen los. Das ist gut so und auch der Fall bei Arnd Henze. Er ist Fernsehjournalist und war lange Zeit im ARD Hauptstadtstudio für internationale Themen verantwortlich, seit letztem Jahr ist er wieder zu seinen Wurzeln beim WDR in Köln zurückgekehrt. Er ist selbst in der Kirche demokratisch engagiert als Mitglied der EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung sowie der Synoden von EKD und EKBO. Jetzt hat er sich – wenn ich das richtig sehe – an seinem ersten Buch versucht. Wer schreibt der bleibt, alles vor der Kamera versendet sich …

Zum Buch

Das Anliegen des Buches: Die Kirche soll wachgerüttelt werden für den Kampf um die Demokratie. Es sieht sich als Streitschrift und geht mit der Kirche an vielen Stellen hart ins Gericht, obwohl es von einer grundsätzlichen Sympathie getragen ist.

“Ich möchte, dass wir uns streiten über das antidemokratische Erbe und die vielen Selbstlügen in der protestantischen Erinnerungskultur – denn sie machen uns wehrlos gegenüber den Geschichtsrevisionisten von rechts” (S. 14) “Wir müssen streiten über das ängstliche Festhalten an einem protestantischen Stallgeruch, der sich jeder kulturellen Öffnung verschließt und in dem die Gemeinden früher oder später zu einem identitären Rückzugsraum verkümmern werden – in dem man nochmal so richtig deutsch sein darf.” (S. 14f)

Ein wichtiger Aufhänger sind die durchaus besorgniserregenden, 2018 veröffentlichten Untersuchungsergebnisse des amerikanischen Pew Research Centers “Being Christian in Western Europe“, die aktiven Kirchgängern eine “überdurchschnittle Affinität zu autoritären Einstellungen, Nationalismus und Ressentiments gegenüber Minderheiten und Migranten” (S. 10) bescheinigt.



Die evangelische Kirche in der Nachkriegszeit

Sehr kenntnisreich beschreibt Henze, wie die Kirchenvertreter noch in der Nachkriegszeit ähnlich wie in der Weimarer Republik mit der Demokratie fremdelten. An prägenden Figuren wie August Marahrens, Bischof in Hannover, Otto Dibelius und selbst Martin Niemöller zeigt er das überzeugend auf. Unter der Überschrift “Seelsorge an deutschen Kriegsverurteilten” setzte man sich für Kriegsverbrecher ein, ja sogar die erste Denkschrift der EKD widmete sich den angebliche unfairen Verfahren des Siegermächte gegen Kriegsverbrecher. (Mehr dazu in diesem ZEIT-Artikel von Ernst Klee: https://www.zeit.de/1992/09/vergebung-ohne-reue/komplettansicht).

Exemplarisch ist vielleicht Martin Niemöllers Aussage “Die Kirche ist keine Demokratie, weil sie einen Herrn hat.” (S. 115, leider ohne Beleg), als sich seine Landeskirche in den 60er Jahren stärker demokratisch organisieren wollte.

Demokratie- und Streitkultur in der ev. Kirche heute

Freilich sieht es heute ganz anders aus. Arnd Henze ist schließlich selbst an einer lebhaften Debattenkultur, meist als Moderator, beteiligt, die ebenfalls im Protestantismus der Nachkriegszeit, vor allem an den Akademien und Kirchentagen (vgl. dazu meine Rezension von Der Protestantismus als Forum und Faktor) ihren Ausgang nahm. Ein schönes Beispiel wird ab S. 133 mit dem Dellbrücker Forum berichtet, das mit einem kirchlichen Gesprächsabend über die neue Rolle der Bundeswehr in Auslandseinsätzen begonnen hatte.

Ein eigenes Kapitel widmet Henze schließlich der politischen Predigt – die schon lange umstritten ist, nach meiner Wahrnehmung vor allem zwischen den theologischen Lagern: Während die Frommen das Politisieren von der Kanzel meist verurteilen, halten Liberale es für einen Ausweis ihrer Modernität und Zeitgenossenschaft. Henze fordert zu Recht: “Es sollte uns jedenfalls nicht egal sein, welchen Beitrag auch die Predigt zur Verteidigung der Demokratie und der Humanität Europas leisten kann. In einem hat [Kathrin] Oxen freilich recht: Politische Predigten können schiefgehen – das haben sie allerdings mit vermeintlich unpolitischen gemeinsam.” (S. 144f)

Eine wunderbare Warnung vor kopierten Predigten findet man unter der Überschrift “Kopierte Gefühle – Fake Feelings”. Ja, eine gute Predigt muss authentisch sein. Beispiele, die ein andere erlebt hat, kann und darf man nicht einfach kopieren. Der Austausch in Facebook-Gruppen, an dem auch ich manchmal teilnehme, darf nicht das eigene Nachdenken ersetzen, was das Evangelium heute konkret bedeuten kann.

Würdigung und Kritik

Henze Buch ist – wie man das von einem Journalisten erwarten darf – flüssig und anschaulich geschrieben. Die Stoßrichtung des Buchs unterstütze ich voll und ganz: Ja, Kirche muss heute zu 100% in der Demokratie ankommen und fairen Streit ermöglichen und aushalten, damit sie nicht den Anschluss verliert.

Es ist extrem wichtig, dass wir als Kirche uns öffnen für kulturelle Vielfalt. “Kulturelle Barrierefreiheit” (S. 73) kann nicht groß geschrieben werden und ist unter dem Stichwort “Milieuorientierung” in den letzten Jahren auch präsent genug, ohne dass dies abgesehen von ein paar Fresh-X-Projekten hier und da in der Breite schon spürbare Erfolge gebracht hätte.

Dass die Sakramentspraxis der Kirche unter Druck gerät, erlebe ich selbst immer wieder (S. 79). Allerdings bin ich der Meinung, dass die Öffnung inzwischen schon eher zu weit geht, wenn nicht einmal mehr eines der Elternteile evangelisch sein muss, damit ein Kind evangelisch getauft werden kann, und Taufzeugen nicht mehr in der Kirche sein müssen. Nur das Patenamt scheint – zumindest in Württemberg – merkwürdig geschützt. Man lese einmal in Ruhe §7 der Württembergischen Taufordnung (https://www.kirchenrecht-wuerttemberg.de/document/17178#s14070004) mit allen Ausnahmebestimmungen. Als Pfarrer hat man es inzwischen leichter, wenn man ein Kind ohne evangelische Eltern einfach tauft, als wenn man Kirchengemeinderat und Visitator dazu ins Boot holt und seine Verweigerung begründet.

Manchmal fehlen doch ein wenig die konkreten Belege, man muss dem Autor vertrauen, dass er seine Aussagen gut recherchiert hat. In Zeiten von Rezos aufrüttelndem Youtube-Video ist man das detaillierteres gewöhnt, siehe https://docs.google.com/document/d/1C0lRRQtyVAyYfn3hh9SDzTbjrtPhNlewVUPOL_WCBOs/edit

Wenn die Ergebnisse der Pew Research Centers wirklich bei aktiven Kirchenbesuchern erhoben wurden, wundern mich die Ergebnisse nicht und der alarmistische Unterton von Henze läuft m. E. ins Leere: Vermutlich käme Ähnliches heraus, wenn man einen repräsentativen Durchschnitt derselben Altersgruppe ohne Migrationshintergrund befragen würde, der nicht in die Kirche geht. Tragfähige Ergebnisse könnten hier nur herauskommen, wenn man eine echte Vergleichsgruppe heranziehen würde und nicht nur die Gesamtheit der Bevölkerung nehmen würde.

Schließlich noch ein echtes Manko: Der Titel suggeriert eine Prüfung der Kirche auf Demokratiefähigkeit. Da würde man mindestens ein Kapitel erwarten, wie Demokratie heute in der Kirche organisiert ist und funktioniert. Wie kommen Synoden, Kirchengemeinderäte und Presbyterien zustande? Warum haben viele Landeskirchen das Wahlalter inzwischen erfreulicherweise auf 14 Jahre gesenkt? Warum fällt es vielen Gemeinden schwer, Kirchengemeinderäte zu gewinnen und warum ist dieser Prozess doch so unendlich wichtig, um der heute sehr beliebten und erfolgreichen Neigung zum punktuellen unverbindlichen Engagement entgegenzuwirken. Warum gibt es nur noch in der Landeskirche Württembergs die Urwahl (https://www.evangelisch.de/inhalte/162996/27-11-2019/nur-wuerttembergs-protestanten-waehlen-ihr-kirchenparlament-direkt) und wie beeinflusst das die Zusammensetzung der Synoden? Warum sind Oberkirchenräte noch heute demokratisch deutlich schwächer legitimiert als Regierungen, die man komplett abwählen kann? Ist es gut oder schlecht, dass die EKD vom Dachverband immer mehr zur Kirche werden will?

Diese Fragen wären m. E. durchaus ein zweites Buch wert, allerdings wäre dies vermutlich deutlich bunter und weniger schwarz-weiß zu halten und damit auch weniger verkäuflich als das vorliegende.

Fazit

Trotz aller Kritik: Der Autor hat als partieller Insider ein wichtiges Buch geschrieben, das alle evangelischen Christen mahnt, sich weiter und angesichts der politischen Diskussionslage mehr statt weniger als bisher für die Demokratie einzusetzen. Das Buch dient dabei durchaus der Abgrenzung von einer problematischen Vergangenheit, die man kirchlicherseits schon überwunden glaubte, die aber noch manchen in den Knochen steckt. Man merkt diesem Buch aber auch deutlich an, was einer Gesellschaft fehlen würde, in der die Kirchen keinen Beitrag zur politischen Kultur mehr leisteten, in der es keine Kirchentage mehr gäbe, auf denen Politiker Bibelarbeiten halten und freier als anderswo reden und nachdenken können. Deshalb sei dieses Buch auch vielen Kirchenkritikern und Kommentatoren von der Außenlinie empfohlen, die befürchten, die Kirchen wären nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die Verantwortung für die Bürgergemeinde gehört für die Christengemeinde zur DNA und sie sollte sich im Rahmen ihrer immer noch sehr großen Möglichkeiten mutig einbringen.

Transparenzhinweis: Die Rezension des Buches kam auf Anfrage des Autors zustande. Der Verlag hat mir das Buch unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Weitere interessante Bücher wie dieses kann man mir gern zur Rezension anbieten …

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Rezension “Kann Kirche Demokratie”
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