Freundlicherweise hat mir Stefan Westhauser (westhauser@cvjm-hochschule.de) vom Institut für Erlebnispädagogik (vgl. http://www.cvjm-hochschule.de/kontakt/institute/) an der CVJM-Hochschule in Kassel erlaubt, seinen Vortrag auf dem Kirchentag zu veröffentlichen, bei dem ich anschließend auf dem Podium mitdiskutieren durfte. Er war für mich sehr anregend, auch wenn ich sicherlich manchen Akzent anders setzen würde. Meine eigenen Gedanken zum Thema folgen bei Gelegenheit. logo

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Ein Gastbeitrag von Stefan Westhauser, Institut für Erlebnispädagogik

0. Einleitung

„Und da ich von unbändigem Verlangen dorthin gezogen wurde, stets begierig, die ungeheure Fülle von allerlei seltsamen Formen zu schauen, welche die findige Natur geschaffen, so gelangte ich, nachdem ich eine Weile zwischen den düsteren Klippen umhergewandert war, zum Eingang einer großen Höhle, vor der ich staunend eine Zeitlang stehenblieb, weil ich nichts davon wußte. Mit gekrümmtem Rücken, die linke Hand auf das Knie gestützt und mit der rechten die gesenkte, gerunzelte Stirn überschattet, beugte ich mich immer wieder vor, bald dahin und bald dorthin, um zu sehen ob drinnen irgend etwas zu unterscheiden sei; aber daran wurde ich gehindert durch das tiefe Dunkel, das dort herrschte. Und nachdem ich eine Weile so davor gestanden hatte, regten sich plötzlich zwei Gefühle in mir, nämlich Furcht und Begierde: Furcht vor der düster drohenden Höhle und Begierde, zu erforschen, ob dort drinnen etwas Wunderbares sei …“

Leonardo da Vinci

Meine Stimmungslage vor einer erlebnispädagogischen Aktion könnte kaum besser beschrieben werden als durch diese Worte von Leonardo da Vinci. Ich sehe die Gruppe, habe meinen Plan vor Augen, gehe in Gedanken die einzelnen Methoden durch und weiß doch kaum etwas darüber, was mich erwartet und was sich in den kommenden Stunden abspielen wird. Ich gebe zu, dass ich durchaus Respekt empfinde, aber eben auch gepaart mit der Neugier, welchen Schatz wir heute gemeinsam (hoffentlich) finden werden.

Vor wenigen Monaten stand ich wieder vor einer solchen Höhle. Im Rahmen einer Weiterbildung stand ein Seminar bevor, bei dem es um Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung ging. Ich wusste nicht so recht was auf mich zukommt, ich schwankte zwischen der Ahnung, dass es für mich sehr herausfordernd werden könnten und der Hoffnung, dass ich viel Gutes mitnehmen kann. Das Seminar erstreckte sich über 5 Tage und am 4. Tag kristallisierte sich für mich heraus, dass es an der Zeit ist, einen alten Glaubenssatz aus meiner Kindheit, den ich schon lange mit mir trage, anzuschauen und neu zu formulieren. Es war zwar kein erlebnispädagogisches Seminar, doch kamen viel erlebnisorientierte Methoden zum Einsatz, die letztlich den Raum geschaffen haben, dass ich diese Erfahrung aufarbeiten und diesen Glaubenssatz umkehren konnte. Es war für mich eine unglaublich intensive Erfahrung. Und als die beiden Seminarleiterinnen am letzten Tag ein Prozessmodell vorstellten, anhand dessen sie das komplette Seminar aufgebaut hatten ohne dass wir Teilnehmenden dies bemerkt hätten, habe ich eine Ahnung bekommen, dass dieses Modell viel Potential besitzt. Seitdem beschäftige ich mich intensiv damit und habe mich letztlich entschlossen, diese Gedanken mit euch heute zu teilen. In der Auseinandersetzung bin ich immer mehr zu der Überzeugung gelangt bin, dass dieses Modell sich sehr gut eignet, um erlebnispädagogische Prozesse im christlichen Kontext zu gestalten und zu begleiten. Bei diesem Modell handelt es sich um die sogenannte Theorie U. Bevor ich dazu aber mehr sage, möchte ich einige Vorbemerkungen machen.

1. Vorbemerkungen

1.1 Mein Verständnis von Spiritualität

„Willst du Gott erkennen, lerne vorher dich selbst kennen.“ Dieser Satz des Mönchs und Wüstenvaters Evagrius Ponticus drückt etwas von aus, was mir in meinem Leben und Glauben im Laufe der vergangenen Jahre wichtig geworden ist. Meine Glaubensbiographie ist die Geschichte eines Wandels, die ich als den Weg von einer Spiritualität von oben hin zu einer Spiritualität von unten beschreiben möchte. Wobei ich gleich zu Beginn vorausschicken möchte, dass ich diese beiden Strömungen und Verständnisse nicht wertend gegeneinander ausspielen will. In beiden Formen begegnet Gott den Menschen. Aber was meint nun das eine und was das andere? Diese Unterscheidung ist wichtig für das Verständnis, das ich meinem Vortrag zugrunde lege.

Ganz vereinfacht gesagt, meint eine Spiritualität von oben, dass Gott durch die Bibel und die Kirche, also das verkündete Wort und die bewusst gestaltete geistliche Gemeinschaft, spricht. Wohingegen eine Spiritualität von unten meint, dass Gott gerade auch durch uns selbst, durch unsere Gedanken und Gefühle, durch unseren Leib und durch unsere Wunden und vermeintlichen Schwächen zu uns spricht. Der Weg zu Gott wird nicht als Einbahnstraße beschrieben, auf der man immer weiter auf Gott zugeht, sondern als Weg, der auch über Irrwege und Umwege, Enttäuschungen und Scheitern zu Gott führt.

Und in diesem Kontext ist auch das Eingangswort von Evagrius Ponticus zu verstehen: Lerne dich selbst kennen und du wirst darin ein Stück von Gott erkennen. Die Gedanken, die ich in diesem Vortrag mit euch teilen möchte, basieren im Schwerpunkt auf einer Spiritualität von unten. Allerdings, und das ist mir zu Beginn auch noch wichtig zu betonen, möchte ich den Begriff der Spiritualität nicht nur in seinem Wortsinn verstanden wissen. Nämlich als das „Geistige“, „Geistliche“ und „den Geist betreffende“, wie er von seinem lateinischen Ursprung her beschrieben wird. Vielmehr möchte ich Spiritualität als ein Wechselspiel von Gotteserfahrung und Weltverantwortung beschreiben, ganz im Sinne der benediktinischen Ordensregel „ora et labora“. Damit schließe ich mich dem Begriffsverständnis von Muff und Engelhardt an, wie sie es in ihrem Buch „Erlebnispädagogik und Spiritualität“ formulieren:

„Spiritualität bezieht sich einerseits auf die nach innen gerichtete und gelebte Beziehung zu Gott, andererseits auf die nach außen gerichtete und gelebte Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen und zur gesamten Schöpfung.“

1.2 Natur als Ort der Gottesbegegnung

Die Stille der Berge und Täler, die Leere der Natur ermöglicht uns, ohne viel

Aufhebens in einen Zustand der tiefen Einsicht über uns in der Welt einzutauchen.

Und diese Erkenntnis bringe zurück – in deine Familie, deinen Job, zu deinen

Freunden – in deinen Alltag. Wenn du die Natur liebst, dann teile deine Erkenntnis

mit anderen Menschen – Wir sind Natur.

Dieses Zitat von Steven Foster, dem Gründer der School of Lost Borders, knüpft direkt an meine Vorbemerkungen zur Spiritualität an. Wenn wir im christlichen Glauben von Spiritualität sprechen, bleiben wir nicht beim spirituellen Erlebnis stehen, sondern wir fragen nach dessen Bedeutung für unseren Glauben und unser Leben. Im Kontext der Erlebnispädagogik kann das bedeuten, dass die Bergwanderung nicht beim emotionalen Gipfelerlebnis endet, sondern erst dann, wenn ich den Weg zurück in die Tiefe gegangen bin, wo das Erlebte dann in meinem alltäglichen Leben seine Wirkung entfalten kann. Wie dieses und viele andere Beispiele zeigen, werden Menschen häufig durch Erlebnisse in der Natur berührt und öffnen sich für das Geistliche. So wird davon erzählt, dass in einem Gipfelbuch der Eintrag zu finden ist: „Viele Wege führen zu Gott, einer davon über die Berge.“ Wir Menschen sind Teil der Natur, auch wenn es uns mittlerweile recht gut gelungen ist, dies zu verdrängen. Aber, und das ist meine ganz persönliche Meinung, ich glaube, dass wenn Menschen sich in die Natur aufmachen, dann werden sie offener und nehmen verstärkt Verbindung auf zu ihrem inneren Wesen, dass sie nämlich auch Teil der Natur und der Schöpfung sind. Und dort ist der Weg zum Schöpfer möglicherweise nicht mehr so weit. Die Natur bietet eine Vielzahl an Symbolen und Archetypen an, die wir gerade für unsere erlebnispädagogische Arbeit im christlichen Kontext nutzen können. Nicht zufällig glaube ich, sind in der Bibel häufig Zusammenhänge zwischen Natur, Naturereignissen und dem Wirken und Offenbaren Gottes zu finden.

1.3 Erlebnisbegriff

Was ist ein Erlebnis? In dieser Frage kommen wir kaum um die Erkentnisse von Wilhelm Dilthey herum. Er versteht unter einem Erlebnis die Einheit der Grundfunktionen des Lebens zu einem bestimmen Zeitpunkt, das heißt, unter zeitlich und räumlich definierten kulturellen Bedingungen. Seelische Grundbedingungen sind nach Dilthey u.a. das Denken, Fühlen und Handeln. Wenn diese 3 Ebenen zur Einheit kommen, dann kann von einem Erlebnis gesprochen werden. Die Erlebnispädagogik, insbesondere in Deutschland, hat diese Ansätze weitgehend aufgegriffen und prägt heute den Ausdruck des Lernens mit Kopf, Herz und Hand. Diese drei Merkmale sind wesentlich für Erlebnisse. Doch noch ein weiterer Aspekt ist mir in dem Zusammenhang wichtig und zwar die Subjektivität.

„Einmal brach ich mir das Bein. Das war mein schönstes Erlebnis … was mich packt, muss dich noch kaum berühren und umgekehrt, was bei dir Unschuld ist, kann bei mir Schuld sein, und umgekehrt, was dir folgenlos bleibt, kann mein Sargdeckel sein.“

In seiner ihm eigentümlichen Art beschreibt hier Franz Kafka sehr bildlich und treffend die Subjektivität eines Erlebnisses. Ein Erlebnis kann weder objektiv noch kollektiv sein, denn wie ein Ereignis auf den Einzelnen wirkt ist letztlich nicht verfügbar und wird immer individuell erlebt. Allein diese Tatsache stellt uns in der Erlebnispädagogik vor große Herausforderungen, wo das Erlebnis doch essentiell ist. Ohne Erlebnis keine Pädagogik. Und genauso wie das Erlebnis ist auch der Glaube letztlich nicht verfügbar: „Wem ein Gott nicht widerfuhr, der sieht seine Gottheit nicht ein“, sagt schon der Theologe Carl Heinz Ratschow. Nur wenn Gott mir widerfährt, mir begegnet, kann ich ihn als Gott erkennen und Glaube entstehen. Glaube und Erlebnisse können von uns also nicht „gemacht“ werden und wir sollten nicht so vermessen sein, dies anzunehmen oder zu versuchen. Der atemberaubendste Naturraum, das perfekt formulierte und in die Situation verkündete Wort oder das wundersamste Glaubenszeugnis führen nicht zwangsläufig dazu, dass der Mensch etwas erlebt oder zu glauben beginnt. Was wir tun können ist, einen Raum zu schaffen, in dem solche Erlebnisse ermöglicht werden. Wir können dem Prozess einen Rahmen geben, der Menschen offen macht für Glaubenserlebnisse. Diesen Spielraum haben wir und ich meine, wir tun gut daran, Kraft, Energie und Kreativität darauf zu verwenden, diesen Raum zu gestalten.

2. Die Theorie U und ihre Schritte

Das Massachusetts Institute of Technology, auch bekannt als MIT, im amerikanischen Cambrigde gilt weltweit als eines der kreativsten Institute mit engem Bezug zur Praxis. Der deutsche MIT-Forscher und Berater, Otto Scharmer, legt mit seiner Theorie U eine zeitgemäße Führungsmethode vor, die den Erfordernissen von Nachhaltigkeit und globaler Verantwortung gerecht werden. Eigentlich für Führungskräfte in Unternehmen geschrieben, hat die Theorie U mittlerweile in viele andere Bereiche Einkehr gefunden. Und ich glaube, dass sie auch für die Erlebnispädagogik (und im speziellen auch für die Erlebnispädagogik im christlichen Kontext) fruchtbar gemacht werden kann. Denn auch hier haben wir viel mit Führung, Prozessen und Veränderung zu tun.

Das Modell vorstellen

Skizze der Theorie U im Sketchnote-Stil, nach der Powerpoint während des Vortrags angefertigt von T. E.
Skizze der Theorie U im Sketchnote-Stil, nach der Powerpoint während des Vortrags angefertigt von T. E.

Ich werde nun die einzelnen Schritte erläutern. Zwei Dinge möchte ich aber vorschieben:

  • Ich werde ausführlicher auf die Schritte links des U und das „Presencing“ eingehen. Die Schritte rechts des U werde ich nur anreißen, da diese Schritte in der Erlebnispädagogik meist auch nur angerissen werden können. Der Vollzug und die Umsetzung der Erkenntnisse folgt in der Regel im Alltag, nach den erlebnispädagogischen Aktivitäten
  • Ich werde bei den einzelnen Schritten immer wieder Bezüge zur Erlebnispädagogik im christlichen Kontext und biblischen Texten herstellen. Am Ende werde ich dann aber ein Praxisbeispiel erläutern, das eine Ahnung davon gibt, wie die Theorie U in einer Erlebnispädagogik im christlichen Kontext Anwendung finden kann. Wer also während der Darstellung das Gefühl hat, es ist zu theoretisch, der darf wissen, dass am Ende der Praxisbezug hergestellt wird.

2.1 Runterladen – Downloading

Das Downloading, also das Herunterladen, beschreibt die ständige Wiederholung von Mustern aus der Vergangenheit. In der Regel sind dies Gewohnheitsmuster, die wir uns angeeignet und verinnerlicht haben. Diese Muster haben uns bisher geholfen, die Welt zu erklären und Probleme mehr oder weniger gut zu lösen. Diese Muster sind also mit einem gewissen Erfolg verknüpft und werden daher in regelmäßiger Abfolge reproduziert. Bei aller Würdigung dieser Muster ist aber festzustellen, dass das Downloading den Blick auf die vor uns liegende Realität meist versperrt. Denn der Akt des Runterladens hat seinen Ausgangspunkt in Vergangenheit. Und stets aus diesem Ort des Downloadings zu handeln heißt, in der alten Denkwelt gefangen zu sein.

Pau Watzlawick beschreibt diese Art zu handeln in einem sehr treffenden Beispiel: Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel“.

Der Mann in dieser Geschichte bediente sich aus den Erfahrungen der Vergangenheit und war in seinen Gedanken gefangen. Auch in Glaubensfragen erlebe ich bei mir selbst und bei anderen diesen sich stetig wiederholenden Akt des Runterladens. Wir halten fest an bekannten, anerzogenen und tradierten Glaubenmustern und -überzeugungen. Versteht mich an der Stelle bitte nicht falsch. Mir geht es nicht darum, tiefe und über Jahre fundierte Glaubensüberzeugungen zu kritisieren. Sie sind wichtig für unsere religiöse Identität und bilden das Fundament unseres Glaubens. Vielmehr will ich dazu einladen und herausfordern, den eigenen Glauben als Prozess zu verstehen, der in die Zukunft gerichtet ist und sich nicht nur aus der Vergangenheit speißt. Ein Glaube, der fundiert ist und dabei gleichzeitig im Wandel unserer Zeit auf aktuelle Entwicklungen hin reflektiert und ggfs. neu ausgerichtet wird. Ein solcher Glaube kann nicht beim Runterladen stehen bleiben.

Auch die Bibel beschreibt in Lukas 18, 18-24, diesen Akt des Downloadings:

Und es fragte ihn ein Oberer und sprach: Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Jesus aber sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!« Er aber sprach: Das habe ich alles gehalten von Jugend auf. Als Jesus das hörte, sprach er zu ihm: Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach! Als er das aber hörte, wurde er traurig; denn er war sehr reich. Als aber Jesus sah, dass er traurig geworden war, sprach er: Wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes!

Der reiche Mann konnte der Einladung Jesu zur Veränderung seines Leben und Glaubens nicht folgen. Er blieb beim Downloading, er konnte seinen Reichtum nicht loslassen.

Kennen wir das nicht auch? Dass wir in Situationen kommen, in denen unser Glaube an die Grenzen kommt? Wie schnell bin ich dann dabei, rückwärts zu blicken und das zu fokussieren, was ich mir in der Vergangenheit angeeignet habe. Das kann gut und hilfreich sein. Aber es kann auch sein, dass ich mich in solchen Momenten einer wertvollen Gotteserfahrung oder Glaubensentwicklung verschließe.

Auch im Kontext von erlebnispädagogischen Kooperations- und Kommunikationsübungen zeigt sich dieses Downloading besonders deutlich. Um Aufgaben zu lösen, greifen Gruppen in fast allen Fällen beinahe reflexartig auf in der Vergangenheit angeeignete individuelle und kollektive Lösungsmuster zurück. Und meist zeigt der weitere Verlauf dann, dass diese Muster nicht oder nur sehr begrenzt dabei helfen, die gestellte Aufgabe zu lösen. Das sind für mich immer sehr besondere Momente, denn hier zeigt sich das Downloading eben nicht theoretisch, sondern wird von allen am eigenen Leib erfahren. Und schafft nicht selten Raum und Offenheit für Veränderung.

Gerade weil das das Wesen der erlebnispädagogischen Arbeit ist, dass sie nämlich Erlebnisse ermöglicht, die uns dazu einladen und herausfordern, neue Perspektiven auf uns selbst, unser Leben und unsere Mitmenschen zu gewinnen, ist meiner Meinung nach die Anschlussfähigkeit zur Theorie U sehr hoch.

2.2 Hinsehen – Seeing

Um das Downloading, das Abspulen alter und bekannter Denkgewohnheiten, zu unterbrechen, ist ein erster Schritt notwendig. Und zwar der Schritt des „Hinsehens“.

Grundlegende Voraussetzung dafür ist, dass ich mir des Downloadings überhaupt bewusst bin. Erst wenn ich weiß, dass ich alte Denkmuster und Gewohnheiten reproduziere, bin ich in der Lage, diesen Prozess zu betrachten und zu reflektieren. Es ist also ein Hinsehen in zweierlei Hinsicht notwendig:

A. Das Hinsehen auf den Download-Prozess meiner bekannten Denkmuster. Dieses Hinsehen erlaubt mir, eine kritische Distanz zu meinen Gewohnheiten einzunehmen. Das ist nicht immer einfach und kann mitunter schmerzhaft sein. Denn es kann bedeuten, dass ich mir eingestehen muss, möglicherweise Fehler gemacht zu haben oder Menschen verletzt zu haben. Aber dieses Hinsehen ist notwendig um den Akt des Downloading zu unterbrechen.

B. Das Hinsehen auf die Realität, die mich umgibt. Meine Mitmenschen, mein Umfeld, gesellschaftliche Veränderungen, politische Umwälzungen – das alles, und noch vieles mehr, hat Einfluss auf „meine“ Realität. Und in diesem 2. Schritt des U-Prozesses geht es darum, diese Einwirkungen auf mich und mein Leben wirklich zu sehen, sie andächtig zu betrachten, und dabei bewusst nicht ins Downloading zu verfallen.

Ein solches Hinsehen schließt den Raum der Veränderung auf, der neue Möglichkeiten beherbergt.

Für dieses Hinsehen gibt uns die Bibel ein anschauliches Beispiel, in Markus 10,46-52:

Und als er aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich! Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Die Bibel berichtet uns nicht, wie lange Bartimäus blind war und wie lange er schon sein Dasein am Wegesrand gefristet hat. Der Text legt mir die Vermutung nahe, dass es eine sehr lange Zeit gewesen sein könnte. Für Bartimäus sicherlich Zeit genug, sein Denken und seine Sicht auf die Welt zu verfestigen. Doch in dem Moment als Jesus an ihm vorbeiging, konnte Bartimäus trotz seiner Blindheit etwas sehen: Nämlich die Möglichkeit geheilt und sehend zu werden. Er richtete seinen Blick nicht auf altbekannte Denkmuster, die eine Heilung seiner Blindheit sicher nicht beinhalteten. Er richtete seinen Blick auf Jesus und auf die Möglichkeit geheilt zu werden. Und davon ließ er sich nicht abbringen: „Rabbuni, dass ich sehend werde!“.

Erlebnispädagogische Aktivitäten haben die Kraft, Räume für Perspektivwechsel zu schaffen. Wenn wir wollen, dass in der Erlebnispädagogik Menschen Glauben lernen, ist es eine der wichtigsten Aufgaben, das Setting so zu gestalten, dass echtes Hinsehen ermöglicht wird. Folgende Voraussetzungen halte ich dabei für wesentlich und sollten von den Erlebnispädagogen/innen geschaffen werden:

  • Intention klären und verdichten: Das Team muss sich über die Methoden, Inhalte und Ziele klar und einig sein.
  • Offenheit schaffen: Jede und jeder darf frei und offen von dem sprechen, was ihn bewegt
  • Anleiten zum Hinsehen: Die erlebnispädagogischen Methoden, Fragestellungen und Reflexionseinheiten müssen so eingeführt und gestaltet sein, dass die Teilnehmenden eingeladen werden, hinzusehen, ihren Glauben und ihr Leben offen zu betrachten und ihre Erkenntnisse auszudrücken. Dabei sollen bewusst alte Urteils- und Denkgewohnheiten zurückgehalten werden.
  • Raum für ein gemeinsames Sehen schaffen: Die Teilnehmenden tauschen sich über ihre Erkenntnisse aus und lernen voneinander.
  • Wertfreie und wertschätzende Haltung: Damit meine ich eine Haltung, die nicht wieder sofort alles bewertet, was ich sehe, sondern wertfrei und offen dem Neuen gegenübersteht und dabei gleichzeitig sowohl das Alte wie auch das Neue wertschätzt.

Auch beim Seeing helfen uns die erlebnispädagogischen Methoden. In der Regel muss das Hinsehen nämlich nicht durch Impulse auf rationaler Ebene angestoßen werden, oft erkennen die Teilnehmenden selbst, dass das Downloading nicht weiterhilft und andere Lösungen gebraucht werden. Das führt auf sehr natürliche Weise dazu, dass die Teilnehmenden hinsehen, um andere Lösungen zu finden. Das ist natürlich kein Selbstläufer und jeder von uns kennt sicher Situationen, in denen die Gruppe auch Impulse von außen braucht, um das Downloading zu unterbrechen und hinzusehen.

2.3 Hinspüren – Sensing

Kommen wir zum nächsten Schritt, dem Sensing. Dieses Hinspüren meint eine Erweiterung und Vertiefung des Hinsehens aus dem vorherigen Schritt. Hier will ich Otto Scharmer selbst zu Wort kommen lassen:

„Der Schritt, der dem Hinsehen (Seeing) im U-Prozess folgt, nenne ich das „Hinspüren“ (Sensing). Wenn man sich vom Hinsehen zum Hinspüren bewegt, erweitert sich der Wahrnehmungsraum und umschließt das Ganze. Das Ganze wahrzunehmen, beschreibt Peter Senge (Autor und einer der einflussreichsten Management-Vordenker) als den Grundgedanken von Systems Thinking (Systemdenken). Systems Thinking betrachtet den Feedbackkreislauf zwischen der Realitätserfahrung („Was das System uns antut“) und der Wahrnehmung des Systemzusammenhangs („Was ist meine Rolle im System“). In dem Moment, in dem die eigene Rolle im System erfahrbar wird, so Peter Senge, kommt es zu Reaktionen wie: „Menschenskinder. Guck mal an, was wir uns selbst antun!“

Wenn Teilnehmende in einer erlebnispädagogischen Sequenz einen solchen Ausspruch von sich geben, ist das für mich ein heiliger Moment. Denn hier wird deutlich, dass jemand etwas wirklich begriffen hat. Nicht nur gesehen und verstanden, sondern in der Tiefe seines Herzens erkannt.

Das Hinspüren hat viel damit zu tun Realitäten, Fragestellungen oder Probleme anzusehen und dann darin „einzutauchen“, sich also damit ganzheitlich zu verbinden. Dabei vollzieht sich eine Umlenkung der Aufmerksamkeit, weg von der Mikroebene, also von dem Blick auf mich, hin zum Ganzen der Makroebene, also auf den größeren Kontext, in dem ich mich befinde.

Folgende 4 Prinzipien sind für den Prozess den Hinspürens wesentlich:

1. Das Gefäß bilden/den Ort gestalten

Hinspüren passiert in der Regel nicht von selbst. Der Raum/der Ort dafür will bewusst gestaltet werden. Dafür wiederum braucht es vier Orte:

A. Der physische Ort – also die bsewusste Gestaltung des Raumes, in dem wir arbeiten. In der Erlebnispädagogik bietet insbesondere die Natur tolle Räume an, die darauf warten, genutzt und gefüllt zu werden.

B. Der zeitliche Ort – Zum Hinspüren braucht es Zeit und eine klare Zeitplanung. Die Offenheit dafür entsteht nicht in wenigen Minuten und gleichzeitig ist es wichtig, die Zeit gut zu gestalten, damit es nicht zu Überforderung oder Leerlauf kommt.

C. Der relationale Ort – Dieser Ort beschreibt die Verhältnisse zueinander. Die Beziehungen innerhalb der Gruppe, die Rollenklärung. Hierfür ist eine gute Vorbereitung notwendig, denn die Offenheit der Teilnehmenden sinkt rapide ab, wenn eine Atmosphäre der Verschlossenheit, des Misstrauens und der Ablehnung herrscht. Genauso ist damit aber auch eine gute Rahmen-Planung gemeint, die dafür sorgt, dass der Prozess des Hinspürens nicht durch logistische oder organisatorische Probleme behindert wird.

D. Der intentionale Ort – Die Klarheit und die Qualität des Anliegens muss gegeben sein, und für möglichst alle Beteiligten transparent sein. Diese Orte wollen gestaltet und gut vorbereitet sein, damit das Hinspüren möglich wird.

2. Eintauchen

Der Schritt in das Hinspüren erfordert ein wirkliches Eintauchen in das betreffende soziale Feld, in die lebendige Gegenwart des Phänomens. Dieser Schritt ist ein Eins-Werden mit der Thematik, mit der man sich befasst. Dazu gehört auch, sich in das Erleben des anderen zu versetzen und damit eins zu werden. Die ehrliche und intensive Reflexionsrunde einer erlebnispädagogischen Sequenz wäre hierfür ein gutes Beispiel.

3. Die Aufmerksamkeit ausrichten

Im Schritt vom Hinsehen zum Hinspüren bewegt sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmer weg vom „Objekt“ hin zu den Quellorten. Man lädt die Teilnehmenden also ein, ihre Aufmerksamkeit auf den Entstehungsort der Handlung umzulenken. Man nimmt ganz Anteil an den Geschichten und Beiträgen der anderen und setzt diese in Beziehung zueinander. So verschiebt sich der Fokus von den Einzelbeiträgen hin zu dem was sozusagen „dazwischen“ in der Verbindung entsteht.

4. Öffnung des Fühlens

Die Bibel spricht an einigen Stellen davon „mit dem Herzen zu verstehen“. Das kommt meiner Ansicht nach dem nahe, was die Öffnung des Fühlens meint. Die Psychologin Eleanor Rosch formuliert dies sehr treffend und prägnant: „Das Herz ist in jeglicher kontemplativer Tradition nicht nur eine Sentimentalität oder eine Emotionalität, sondern ein tiefer Konzentrations- und Quellpunkt.“

Mit dem Herzen zu sehen und zu verstehen meint also, das Herz und unsere Wertschätzungs- und Liebesfähigkeit als Wahrnehmungsorgan zu nutzen, als Antennen die uns eine feinere Orientierung zu geben in der Lage sind. Dies ist eine tiefere Ebene der Wahrnehmung als mit nur einem Sinnesorgan.

Auch hier möchte ich eine biblische Geschichte anführen:

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber;

In diesem kurzen und uns allen sicher gut bekannten Text kommen alle 4 Prinzipien des Hinspürens zum Ausdruck. Der Ort wird gestaltet (Garten Gethsemane), Jesus taucht ein (geht mit 3 Jüngern noch tiefer in den Garten), öffnet sein Fühlen (trauern, zagen, Betrübtheit – wozu seine Jünger übrigens nicht in der Lage sind, sie verstehen nicht, was hier vor sich geht und schlafen ein) und richtet seine Aufmerksamkeit aus (Gespräch mit seinem Vater). Er steht am Scheideweg seines Lebens, hier an dieser Stelle entscheidet sich alles. Jesus sieht das, was auf ihn zukommt, kann diesen Schritt aber noch nicht gehen.

2.4 Gegenwärtigen – Presencing

Presencing ist eine Wortschöpfung aus den englischen Wörtern „sensing“, also Spüren und „presence“, Gegenwart und bedeutet, dass man sich mit der Quelle der höchsten Zukunftsmöglichkeit verbindet und sie ins „Jetzt“ bringt.

Otto Scharmer beschreibt das Presencing anhand eines einschneidenden Kindheitserlebnisses, das sein Leben vollkommen neu ausgerichtet hat:

Presencing ist den Sensing/Hinspüren sehr ähnlich. Beide Bewegungen beinhalten, dass sich der Ort von dem aus unsere Wahrnehmung stattfindet, sich von unserer mentalen Binnenwelt in das wirkliche soziale Feld hinein verschiebt. Der Unterschied zwischen Sensing und Presencing besteht darin, dass das Hinspüren den Ort der Wahrnehmung zum gegenwärtigen Ganzen verschiebt, während das Presencing den Ort der Wahrnehmung zur Quelle eines möglichen zukünftigen Ganzen verschiebt. Als ich das Wohnhaus auf dem Hof meiner Familie in Flammen sah, fühlte ich, dass das äußere Feuer einen Teil meines eigenen Selbst vernichtet hatte. Ich spürte, dass die Welt die vor mir in Schutt und Asche lag, ein Teil gewesen war von meinem Selbst.

Diese Wahrnehmung ist ein klares Beispiel für das Hinspüren, weil sich die Grenze zwischen Beobachter und dem Beobachtetem auflöst: Die äußere Welt des Feuers ist gleichzeitig ein Teil meines ureigensten inneren Selbst. Aber im nächsten Moment spürte ich, wie meine Wahrnehmung sich erneut veränderte. Ich fühlte mich ein wenig hinausgezogen nach oberhalb meines physischen Körpers und begann, die Situation von dort zu sehen, fühlte mich hingezogen zu einem zukünftigen Möglichkeitsraum – das war eine Vorahnung von Presencing.

Zwei Kernfragen des Presencing sind:

  1. Wer bin ich? (nicht zu verwechseln mit „Wer war ich“. Denn bei dieser Frage geht es um die Wahrnehmung des eigenen Selbst jenseits von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im christlichen Kontext könnte man von dem Selbst sprechen, das wir im Angesicht Gottes sind. Also was wir selbst und was Gott in uns sieht).
  2. Was ist meine Aufgabe, was will ich wirklich tun? Also die Frage danach, was in uns verborgen liegt und was wir zur Welt bringen wollen. Diese beiden Fragen leiten uns dazu an, von unseren Quellen her wahrzunehmen und zu handeln. Und sie leiten uns auch zur Frage, wer ist Gott für uns und in welcher Beziehung wir zu ihm leben wollen. Denn unser Sein, unser Ursprung und unsere Quellen sind untrennbar mit Gott verbunden.

Ich möchte noch einmal die biblische Geschichte von Jesus im Garten Gethsemane aufgreifen. Wir hatten diesen Text als gutes Beispiel für das Hinspüren identifiziert. Aber wie manche von euch sicherlich schon festgestellt haben, habe ich den Text nicht vollständig gelesen. Denn das was sich an das bisher Gehörte anschließt beschreibt exakt die Schwelle des Übergangs zum Presencing:

Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!

In dem Moment als Jesus diese letzten Worte ausspricht, verbindet er sich mit der sich ihm öffnenden Zukunft. Er hat nicht mehr nur das Hier und Jetzt im Blick, sondern ist in Verbindung mit dem tieferen Sinn seiner Existenz, dass er nämlich diesen Weg ans Kreuz gehen muss. Er anerkennt, dass sein Leben einem größeren Ziel dient. Es ist letztlich seine Bestimmung, es ist das worauf sein Leben im Kern ausgerichtet ist. Es ist Quelle und Ziel zugleich. Aber eben nicht um des reinen Sterbens willen, sondern um den Menschen Gott nahe zu bringen und sie zu erlösen. Und darin ist er seinem Vater dann ganz nahe.

Die Geschichte von Jakob macht diesen Prozess des Presencing noch deutlicher. Jakobs Leben ist von Anfang an geprägt von Lüge und Täuschung. Er setzt alles daran, durch zwielichtige Methoden, seinen Willen durchzusetzen und Reichtum anzuhäufen. Das bringt ihn in einem Leben relativ weit. Bis er an einen Punkt kommt, an der er feststellen muss, dass dieses alte Muster nicht mehr greift:

Und Jakob blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. 27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. 29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. 30 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. 31 Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.

In diesem Ringen mit dem Unbekannten verdichtet sich auch das Ringen Jakobs mit sich selbst, mit seiner Vergangenheit und mit Gott. Der direkten Konfrontation ist er bisher aus dem Weg gegangen, hat lieber die Hintertür genommen. Aber als er ganz alleine am Fluss Jabbok steht, nachdem er seine ganze Familie und Habseligkeiten hinübergeschickt hat, kann er dem Unausweichlichen nicht mehr entkommen. Wer bin ich? Was will ich in meinem Leben tun? Diese beiden Fragen verdichten sich in dem Ringen Jakobs. Und er gewinnt. Aber dieser Sieg ist nicht mit einem Erfolg in einem Wettkampf zu vergleichen. Er steht vielmehr für die Veränderung, die Jakob in dieser Nacht vollzieht. Ausdruck dieser Veränderung ist der neue Name, den Jakob erhält und die Segnung. Nach verbreiteter Auffassung  hat der Name Jakob seine etymologische Wurzel in dem hebräischen Wort für „Ferse“. Das ließe sich von der Geburtsgeschichte des Jakob gut erklären, der sich an der Ferse seines älteren Bruders Esau festhält. In der Deutung wird dies häufig so ausgelegt, dass Jakob versucht, seinen Bruder zu überholen, um an das Erstgeburtsrecht zu kommen. Hier scheint sein Weg des Betrugs und der Täuschung schon seinen Anfang zu nehmen.

In dem Kampf am Jabbok erhält er aber den Namen „Israel“ und wird gesegnet. In diesem Moment erschließt sich die Zukunft für Jakob. Er soll Stammvater für ein großes Volk werden. Erst als dieser Kampf gefochten ist und sich diese Veränderung vollzogen hat, ist Jakob in der Lage den Fluss zu überqueren (was in der biblischen Symbolik häufig ein sichtbarer Ausdruck für eine vollzogene Veränderung ist) und seinem Bruder gegenüber zu treten. Und als er sich ihm zu Füßen wirft, sieht Esau nicht mehr den Betrüger, sondern den Menschen, den Bruder.

Vier Prinzipien sind für das Presencing wesentlich:

A. Loslassen – Alles was nicht essentiell ist, muss gehen. Das Alte darf losgelassen werden, dann erst kann sich die Zukunft öffnen

B. Umkehrung: Durch das Nadelöhr hindurchgehen – Jesus vergleicht die Reichen, die in den Himmel kommen wollen mit dem Kamel, das sich durch das Nadelöhr zwängen muss. Es ist sehr schwer, weil es von den Reichen eine Umkehr, eine Neuausrichtung verlangt. Auch im U-Prozess ist die Umkehr/Neuausrichtung mit Herausforderungen verbunden und fällt manchmal schwer.

C. Das In-die-Welt-Kommen des authentischen Selbst – Otto Scharmer vergleicht das Presencing immer wieder mit der Geburt. Etwas Neues, das zuvor zwar da aber noch nicht sichtbar war, kommt zum Vorschein.

D. Einen Raum für tiefes Zuhören schaffen – Dieser Aspekt schließt an den bereits genannten Punkt der Schaffung eines Ortes an. Zentral für das Presencing ist der Ort, an dem echtes Zuhören möglich ist. Hören auf mich selbst, Hören auf die anderen und Hören auf Gott.

2.5 Verdichten – Crystallizing

Wie ich eingangs erwähnt habe, möchte ich die abschließenden 3 Schritte nur noch kurz anreißen. Nachdem der Prozess des Presencing durchlaufen ist, der auch gut mit dem Durchschreiten eines inneren Tores beschrieben werden kann, stellt sich die Frage, wie es weiter geht. Ich vermute, dass es euch nun so geht, wie mir häufig in solchen Situationen, dass nämlich reflexartig der Gedanke kommt, dass es nun einen guten und stringenten Maßnahmenplan braucht, um die gewonnenen Erkenntnisse konsequent umzusetzen. Aber ich muss euch enttäuschen: Maßnahmenpläne, wie wir sie kennen, sind im U-Prozess nicht vorgesehen. Beim Verdichten geht es zuerst darum, etwas für uns schaffende Schwaben und leistungsorientierten Deutschen völlig Ungewöhnliches zu tun: Nämlich nichts. Vielmehr geht es darum, das, was im Presencing entstanden ist, wirken zu lassen und lebendig zu halten. Aber eben nicht durch Handlungen und Maßnahmen, sondern durch ein „sich vergegenwärtigen“ zu einem inneren Bild zu formen. Praktisch kann das so aussehen, dass wir das Erlebte und Erkannte in den Gedanken und im Herzen wachhalten, dass wir uns darüber mit anderen austauschen und vor allem, dass wir diese Erfahrung nicht rationalisieren und damit abschwächen.

2.6 Erproben – Prototyping

Die nächste Bewegung im U-Prozess nach Presencing und Verdichten ist die, die Zukunft durch das Tun zu erproben, also einen Prototypen zu erstellen. Der Prototyp ist ein Experiment.

2.7 In die Welt bringen – Performing

Aus dem „Prototypen“ heraus wird eine Alltags- und Gegenwartspraxis entwickelt und eingeübt.

3. Praxisbeispiel: WEP – Seminarblock IV

Nun haben wir einen komprimierten und straffen Ritt durch die Darstellung der Theorie U hinter uns. Ich kann mir vorstellen, dass das dem einen oder anderen noch sehr theoretisch erscheinen mag. Streng genommen schmeckt mir diese theoretische und wortlastige Darstellung auch nicht so ganz, denn sie passt nicht so recht zur Erlebnispädagogik. Die Theorie U will vielmehr am eigenen Leib erlebt werden, um das wahre Potential zu erkennen und zu verstehen. Aber so ist das nun einmal.

Um zum Abschluss aber doch einen kleinen praktischen Einblick zu geben, möchte ich euch ein erlebnispädagogisches Seminar skizzieren, das ich vor Kurzem geleitet habe und das ich im Ansatz nach der Theorie U aufgebaut und gestaltet habe. Bei diesem Seminar handelte es sich um das Abschlusswochenende der Weiterbildung Wildnis- und Erlebnispädagogik, die wir als Institut für Erlebnispädagogik der CVJM-Hochschule anbieten. Mit rund 20 Personen waren wir von Freitagnachmittag mit Sonntagmittag gemeinsam in Wald und Natur unterwegs, Schwerpunkt des Seminars war „Wahrnehmung und Spiritualität“.

1. Downloading

Zwischen Treffpunkt und Seminarstandort lag eine Strecke von rund 45 Minuten. Diese Strecke legten die Teilnehmenden zu Fuß zurück, auf ihren Weg bekamen sie den Impuls mit, sich mit Glaubenssätzen zu beschäftigen. Glaubenssätze sind tiefe innere, nicht hinterfragte und selbstbegrenzende Überzeugungen, die fast immer in  Form eines unbewussten inneren Monologs oder einer Verhaltensvorschrift wirken. Sie sind häufig ein Ursprung des Downloading, denn diese Glaubenssätze ziehen Verhaltensmuster nach sich, die unser Leben begleiten. Mit dem Impuls, eigenen Glaubenssätzen in ihrem Leben und ihrem Glauben, auf die Spur zu kommen, machten wir die Teilnehmenden auf das Prinzip des Downloading aufmerksam.

2. Hinsehen

Nachdem sich die Teilnehmenden an dem Seminarstandort im Wald ihr Biwak eingerichtet haben und wir gegessen hatten, standen Nachtaktionen auf dem Programm. Den Abschluss bildete ein Pfad, der im Dunkeln gegangen wird, der nur durch einige wenige Lichtpunkte erhellt wird, an denen sich die Teilnehmenden orientieren konnten. Auf diesem Pfad kam das Hinsehen noch einmal eine andere Bedeutung, denn man musste sehr behutsam gehen und Hinsehen, um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Die Teilnehmenden bekamen den Impuls mit, sich die Glaubenssätze noch einmal zu vergegenwärtigen, aber den Blick stärker auf den Nutzen und die Bedeutung dieser Glaubenssätze zu richten. Also hinzuschauen, was es damit auf sich hat. Den Abschluss bildete ein mit Fackeln erhellter Kreis um einen sehr alten und imposanten Baum. Dort wurde Psalm 139 gelesen: HERR, du erforschest mich und kennest mich…

3. Hinspüren

Am Samstagvormittag lernten die Teilnehmenden verschiedene Wahrnehmungsspiele und -übungen kennen. Einerseits ging es uns dabei um die Vermittlung der Theorie und Praxis von Wahrnehmungsspielen. Andererseits zielten diese Übungen, bei denen es teilweise auch um richtiges Spüren ging, darauf ab, die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit der Teilnehmenden für ihre Umwelt und damit auch für sich selbst zu erhöhen. Nach diesem eher spielerischen Teil, bekam jede/r Teilnehmende die Aufgabe, ein LandArt zu gestalten und zwar unter der Fragestellung „Wer bin ich?“. Im Kontext der Auseinandersetzung mit eigenen Glaubenssätzen sollten die Teilnehmenden nun fokussieren, was ihr Leben im Kern ausmacht. Die Methode des LandArt sollte den Teilnehmenden ermöglichen, grundlegende Aspekte des Lebens zu identifizieren und kreativ zum Ausdruck zu bringen. Danach stellte jede/r Teilnehmende sein LandArt der Gruppe vor, um sich dabei einander teilhaben zu lassen und sich miteinander zu verbinden. Die Ergebnisse waren beeindruckend, wovon ich zwei Geschichten mit euch teilen will:

  • Steine wurden kunstvoll zu einer kleinen Burg angeordnet und mit der Aussage verbunden: „Für mein Leben ist fundamental: Eine feste Burg ist unser Gott – und die Tür dazu steht offen“
  • Ein Felsbrocken wurde ins Wasser gelegt: „Ich bin der Fels in der Brandung – bin ich stark genug der Brandung zu widerstehen?“

Die 4 Prinzipen des Hinspürens kamen wie folgt zum Tragen:

  1. Das Gefäß bilden/den Ort gestalten
  2. Eintauchen (durch handlungsorientierte Methode und Fragestellung)
  3. Die Aufmerksamkeit ausrichten (Auf die eigene Geschichte und die der anderen)
  4. Öffnung des Fühlens (Sich mit den anderen verbinden, bedanken nach Vorstellung)

Mit dieser Frage und Aufgabe bereiteten wir die Teilnehmenden schon auf den folgenden Teil des Seminars und damit auch auf den nächsten Schritt des U-Prozesses vor.

4. Presencing

Der Kerninhalt des Seminars war eine Lonely Night, also eine Solo-Zeit über die Nacht. Dazu verabschiedeten wir die Teilnehmenden von unserem Seminarstandort in die Zeit der Einsamkeit. Jede/r Teilnehmende musste sich nun alleine einen Platz suchen, sich ein Biwak errichten und dort die Nacht verbringen. Impuls für diese Zeit gab die Elia-Geschichte, der am Berg Horeb Gott begegnet und zwar wider Erwarten nicht im Sturm, im Feuer oder Erdbeben, sondern in einem sanften Säuseln. Mit dieser Gottesbegegnung erfuhr das Leben des Propheten eine neue Ausrichtung. Die konkrete Frage, die wir den Teilnehmenden mit auf den Weg gaben, war: „Was oder wie will ich sein?“ Damit wollten wir ihnen den Raum öffnen, sich selbst von der Zukunft her zu sehen und zu formulieren, wo sie hinwollen. Dazu bekamen sie die Aufgabe, ihre Gedanken und Erkenntnisse der Nacht in einem Kernsatz zu formulieren, den sie dann am nächsten Tag den anderen als Beinamen vorstellen sollten.

Diese Solo-Zeit vereinte viele Aspekte des Presencing und des U-Prozesses. Zuerst wurden die Teilnehmenden herausgefordert loszulassen, in erster Linie das Bedürfnis nach Sicherheit, denn alleine eine Nacht im Wald zu verbringen, macht Angst und Unsicherheit. Auch schickten wir die Teilnehmenden ohne Essen in die Nacht um auch an der Stelle sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Umkehrung vollzogen die Teilnehmenden individuell, je nachdem wie und wo sie sich auf der Spur waren. Das In-die-Welt-kommen kam in der Formulierung des Namens und dessen Vorstellung in der Gruppe am Sonntagmorgen zum Ausdruck. Diese Runde eröffneten wir mit der Jakob-Geschichte, die ich auch eben schon dargestellt habe, denn sie knüpft direkt an die Symbolik des Namens an. Auch hier gab es beeindruckende Namen:

  • Ich bin die, die das Gute in meinem Leben sehen und annehmen will
  • Ich bin der, der gelassener sein will
  • Ich bin der, der selbst entscheidet, was ich tun und was ich lassen will
  • Ich bin die, die sich mehr Zeit für das Gebet nehmen will

Und schließlich schafften wir einen Raum für vertieftes Zuhören, indem wir am Feuer die Erfahrungen der Solo-Zeit austauschten und miteinander teilten.

4. Abschließende Gedanken

Diese und viele andere Erlebnisse und Erfahrungen zeigen mir, dass Glauben lernen in der Erlebnispädagogik möglich ist. Nicht in dem Sinn, dass wir Glaubenswissen vermitteln, das dann automatisch dazu führt, dass die Menschen glauben und spirituell intelligenter werden. Vielmehr aber in dem Sinn, dass wir Räume gestalten, in denen Menschen sich selbst, den anderen und Gott erleben können. Und dass wir durch Impulse, Reflexionen und den Austausch sie dabei begleiten, diese Erlebnisse zu verbalisieren, zu verdichten und in die Welt zu bringen.

Schließen will ich mit Henry David Thoreau:

„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben, intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war, damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.“

Ich wünsche uns noch viele erlebnispädagogische Erfahrungen, die uns mit uns selbst, dem anderen und mit Gott in Verbindung bringen und uns lebendig machen.

(c) Stefan Westhauser

Der Vortrag kann hier als PDF heruntergeladen werden. Herzlichen Dank an Stefan Westhauser, dass er sein Manuskript dafür zur Verfügung stellt!

Weiterführendes

Glauben (lernen) in der Erlebnispädagogik
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2 Gedanken zu „Glauben (lernen) in der Erlebnispädagogik

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