Längst nicht alle Kirchenmitglieder und Christenmenschen sind überzeugt davon, dass die Kirche ein Schiff schicken muss, um im Mittelmeer Flüchtende zu retten.

6 Gründe, warum das eine gute Idee ist:

  1. Es ist schlicht ein Gebot der Menschlichkeit, Ertrinkende zu retten. Wenn der Staat diese Aufgabe verweigert und andere Schiffe behindert, die das tun wollen, muss die Kirche hier ein Zeichen setzen, dass jedes Menschenleben bei Gott gleich viel zählt.
  2. Diakonie ist eine Wesensäußerung von Kirche. Immer da, wo die Not am größten war und kein anderer helfen wollte, haben mutige Christinnen und Christen begonnen, Krankenhäuser und Spitäler zu bauen, Waisenhäuser oder Bahnhofsmissionen.
  3. Fremdenfreundlichkeit wird in der Bibel groß geschrieben: Fremdlinge soll man nicht bedrücken und bedrängen, sondern gut behandeln in Erinnerung daran, wie es dem Volk Israel in Ägypten ging.  (2. Mose 22,20) Die Völkerwallfahrt zum Zion ist ein Hoffnungsbild und keine Schreckensvision.
  4. Unterlassene Hilfeleistung nennt die Bibel Sünde: “Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.” (Jakobus 4,17) Dabei ist es egal, ob sich der andere womöglich leichtsinnig in Gefahr begeben hat.
  5. Das Rettungsschiff ist auch ein deutliches Zeichen, dass wir als Kirche handlungsfähig sind und gemeinsam etwas Großes bewirken können. Während anderswo Kirchenschiffe zurückgebaut werden müssen, entsteht hier etwas Neues.
  6. Das kirchliche Seenotrettungsschiff ist eine klare Ansage an fremdenfeindliche Populisten, dass die Kirche sich von ihren Parolen nicht einschüchtern lässt. So absurd es ist, Corona zu leugnen, so absurd ist es, Migration und die Not von Flüchtlingen nicht wahrhaben zu wollen, die sie auf gefährliche Fluchtrouten treibt, bis sie irgendwo bleiben und in Frieden und Sicherheit leben können.

2 Gründe, warum Kritiker Recht haben könnten:

  1. Das kirchliche Rettungsschiff kann man durchaus kritisch sehen (Ulrich Körtner redet von einem “Verpeilten Kirchenschiff” https://zeitzeichen.net/node/7822).  Wenn es reichen würde, mit Worten andere dazu aufzufordern, die Rettungsaufgabe zu übernehmen, müsste man nicht selbst ein Schiff an den Start bringen. Die Frage ist, wie viel Druck die Kirchen in dieser Sache in der Vergangenheit aufgebaut haben; offensichtlich hat es nicht gereicht. Letztlich ist ein Schiff, das am Ende gar nicht fahren darf, weil einzelne Länder die Ausfahrt behindern, auch nur ein politisches Druckmittel und dazu ein ziemlich teures. Ob das so kommen wird, werden wir die nächsten Jahre sehen.
  2. Die Frage ist, wie deutlich die Sea Watch 4 als Schiff erkennbar bleiben wird, das angestoßen von und im Auftrag der Kirche fährt. Das Bündnis UNITED4RESCUE  (Trägerverein Gemeinsam Retten e.V.) hat viele kirchliche Bündnispartner (siehe  https://www.united4rescue.com/partners). Aber zumindest die äußere Erscheinung des Schiffs deutet nicht mehr auf die kirchliche Entstehungsgeschichte hin und wie ich es verstanden habe, unterscheidet es sich auch sonst wenig von anderen Rettungsschiffen, die von NGOs betrieben werden.

Schon allein die Zahl der Argumente zeigt, was mich überzeugt hat. Ja, das Schiff ist eine gute Idee, ich wünsche ihm die Möglichkeit, viele Menschenleben zu retten und damit ein deutliches Zeichen der helfenden Nächstenliebe zu setzen.

Warum dieser Artikel?

Vergangenen Freitag hatten wir einen spannenden Vortrag in unserer Kirche, den ich als Bezirksbeauftragter Pfarrer für Asylarbeit organisiert habe. Bisher hatte ich zwar von der Vision Kirchenschiff gehört und mitbekommen, dass sie Wirklichkeit geworden war, mich aber nicht intensiver mit den Hintergründen beschäftigt. Nachdem durch die schrecklichen Ereignisse in Moria das Thema Flüchtlinge trotz Corona-Zeit in den Aufmerksamkeitsradar rückte, schien es mir an der Zeit, auch einmal über die Situation im Mittelmeer zu informieren – mich und andere.

Vortrag zum Thema Seenotrettung mit Diskussion (23.10.2020)

Friedhold Ulonska ist als Kapitän schon mehrfach auf dem Mittelmeer unterwegs gewesen und kann anschaulich berichten, wie so eine Rettungsaktion abläuft. Als Journalist gelingt es ihm außerdem bestens, die Lage mit allen politischen Zusammenhängen auf den Punkt zu bringen. Ines Fischer ist engagierte vollzeitliche Asylpfarrerin in der Prälatur Reutlingen und hat fast täglich mit Geflüchteten zu tun. Wer den Vortrag hört, merkt schnell, dass das Argument, die Seenotretter betrieben das Geschäft der Schlepper völlig haltlos ist. Denn ein großer Teil der Boote schafft es ja aus eigener Kraft nach Europa. Und dass Libyen kein sicherer Hafen ist, in den man die geflüchteten zurückbringen kann, dürfte auch klar sein.

Hier kann man das ganze Video sehen:

Weitere empfehlenswerte Videos zum Thema

 

Flüchtlinge kann man ruhig ertrinken lassen – ein bayerischer Pfarrer provoziert

Nachzulesen hier: Dr. Matthias Dreher, Ein Christ kann ertrinken lassen, Korrespondenzblatt, Herausgegeben vom Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Oktober 2020, S. 199, https://www.pfarrverein-bayern.de/system/files/dateien/kblatt-2010.pdf

Dieser Artikel hat ein großes Medienecho ausgelöst, z. B. Spiegel Online (https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/nuernberg-pfarrer-matthias-dreher-loest-mit-beitrag-zu-seenotrettung-empoerung-aus-a-b980f9aa-fae2-466b-b499-25397ec59e55), Bild Online regional (https://www.bild.de/regional/nuernberg/nuernberg-news/christliche-naechstenliebe-pfarrer-will-fluechtlinge-im-meer-ertrinken-lassen-73497722.bild.html). Die Argumentation ist m. E. völlig haltlos, weil eine Überfahrt über das Mittelmeer nicht so riskant ist, wie Dreher behauptet. Und das Argument, dass man nur helfen muss, wenn etwas direkt vor meiner Nase passiert, erscheint in Zeiten der Globalisierung auch ziemlich kurzsichtig.

Übrigens hat Pfarrer Dreher auch zu Corona wunderliche Ansichten, wie man im Gemeindebrief nachlesen kann: https://www.melanchthonkirche-ziegelstein.de/wp-content/uploads/2020/09/Obtober-2020.pdf

Rechtliches

Beitragsbild: Die Sea Watch 4, damals noch als Poseiden, Foto von G. Ruhland – eigenes Foto, CC BY-SA 3.0, Link

Diskussion

Was ist eure Meinung zum Thema? Bin gespannt auf konstruktive Diskussionsbeiträge, gerne unten in den Kommentaren.

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Schiff schicken oder Flüchtlinge ertrinken lassen? – Seenotrettung im Mittelmeer und die Kirche
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