Offensichtlich ist die Sommerpause der richtige Zeitpunkt, um mal wieder grundsätzlich über die Kirchensteuer zu diskutieren. Wahrscheinlich werden in diesen sommerlichen Tagen die Steuererklärungen gemacht, bei der man dann über Briefe der Bank stolpert, dass die Kirchensteuer jetzt von den Banken direkt abgeführt wird. Ist doch eigentlich praktisch, dann muss ich sie nicht nachträglich zahlen, könnte man denken. Kirche und Banken machen sich gegenseitig Vorwürfe. Wer macht da wen verrückt, könnte man sich nach der Lektüre dieses Artikels in der FAZ fragen.

Und dann gab es natürlich Meldungen von Austrittszahlen, die auffällig höher als sonst liegen. Die Gründe kennt man natürlich nie im Einzelnen, Anlässe der Kirche zumindest finanziell den Rücken zu kehren gibt es ja verschiedene, die Vergangenheit war leider mal wieder voll davon.

Zwei Kirchensteuer-kritische Kommentare sind mir über den Weg gelaufen und haben in mir den Wunsch wachsen lassen, ein paar Gedanken zur Kirchensteuer aufzuschreiben:

  1. Ein Artikel in der taz unter der Überschrift „Exodus der Gläubigen“: http://www.taz.de/!143911/ von Simone Schmollack, das wird von atheistischen Blogs natürlich dankbar aufgenommen (http://blasphemieblog2.wordpress.com/2014/08/11/die-kirchensteuer-schadet-den-kirchen/ ).
  2. Ein Artikel in der FAZ mit der These als Überschrift „Die Kirchensteuer schadet den Kirchen“: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/glaube-und-geld-die-kirchensteuer-schadet-den-kirchen-13089553.html von Ralph Bollmann.

Ein paar Tage hat das Thema jetzt in mir gearbeitet und ich habe gemerkt, dass mindestens zwei Herzen in meiner Brust schlagen. Differenzierte Positionen sind ja immer schwer zu transportieren. Leichter ist es zu sagen, ich bin dafür und dann alle Bedenken hinterzuschlucken und auf keinen Fall in die tippenden Finger fließen zu lassen. Aber ehrlicher scheint mir eine Pro und Contra Liste. Dann kann sich jede/r seine/ihre eigene Meinung bilden.

PRO  CONTRA
Die Kirchensteuer ist ein faires Verfahren zur Finanzierung der kirchlichen Aufgaben. Wer viel verdient und viel Steuern zahlt, trägt auch mehr zur Finanzierung der kirchlichen Aufgaben bei. Wer wegen einer zu hohen Kirchensteuer, gar auf Kapitalerträge, aus der Kirche austritt, ist unsolidarisch. So wie Glaube und Religion freiwillig sind und einen unterschiedlichen Stellenwert im Leben von Menschen haben sollte man auch frei entscheiden können, ob und wie viel man bereit ist zur Finanzierung der Kirche beizutragen. Freikirchen sind hier ehrlicher und weniger abhängig vom Staat und seiner Steuerpolitik.
Die Kirchensteuer sichert zuverlässig die Erfüllung der Grundaufgaben von Kirche: Gottesdienste, Kasualien, die Verfügbarkeit von Pfarrer/innen, kirchliche Gebäude. Die Kirchensteuer macht die Kirche träge und satt. Sie wird zum Koloss auf tönernen Kirchensteuer-Füßen. Wie viele in den Gottesdienst kommen ist den verbeamteten Pfarrer/innen egal. Ein paar treue Seelen finden sich immer. Echter Gemeindeaufbau ist aber gar nicht notwendig, weil Kirchengemeinden ja gar nicht zusammenbrechen können, wenn sie innerlich ausgehöhlt sind.
Länder wie Frankreich, in denen es keine Kirchensteuer gibt, zeigen, dass das kirchliche Leben dann nicht aufblüht, sondern sogar die Kirchengebäude marode werden. Länder wie die USA zeigen, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Weil die Gemeinden sich anstrengen müssen, um attraktiv für die Gläubigen zu sein, fehlt den Gemeinden klein Geld – jedenfalls nicht denen, die Zulauf haben, und das haben sie in den USA mehr als bei uns.
Das Kirchensteuersystem ist historisch gewachsen und passt zu Deutschland. Immerhin steht es jeder Religionsgemeinschaft als Körperschaft öffentlichen Rechts zu, gegen eine Aufwandsentschädigung vom Staat Geld einziehen zu lassen. Jesus war sehr kritisch dem Geld gegenüber. Er lebte mit seinen Jüngern von der Hand in den Mund, hatte nichts, wo er sein Haupt hinlegen konnte, schon gar nicht einen Beamtenstatus mit Pensionsansprüchen bis ans Lebensende. Das Vertrauen aufs Geld lähmt das Gottvertrauen. Wenn ein geistlicher Aufbruch entsteht, ist das Geld eigentlich immer von alleine da.
Wer aus der evangelischen Kirche austritt, bleibt getauft, ihm wird das Christsein von der evangelischen Kirche nicht abgesprochen. Selbst in der katholischen Kirche ist der Status eines Katholiken, der gegenüber dem Standesamt ausgetreten ist, kirchlich m. W. nicht eindeutig geklärt. Die Zwangskoppelung eines Konfessionsmerkmals mit einer bürgerlichen Meldepflicht ist ein völliger Anachronismus. Andere „Vereinszugehörigkeiten“ werden auch nicht auf dem Standesamt gemeldet und beendet. Dass man für ein so sensibles, persönliches Thema wie die Konfessionszugehörigkeit einen Sperrvermerk setzen lassen kann und muss, zeigt, wie übergriffig Kirche und Staat bei diesem Thema sind, wenn man nicht selbst aktiv wird.
Durch die sichere und gut fließende Kirchensteuer geschieht mehr kirchliche Arbeit, die keine Lobby hat, aber trotzdem wichtig ist, als wenn es diese nicht gäbe. Die Kirchensteuer verführt dazu, überflüssige Arbeitsfelder aufrecht zu erhalten und neue, wenig sinnvolle zu eröffnen. Je nach theologischer und kirchenpolitischer Richtung lassen sich hier Beispiele zuhauf finden.

So weit meine sicherlich erweiterbare Pro- und Contra-Liste (siehe Kommentarfunktion unten). Ein abschließendes Fazit wage ich nicht zu formulieren. Dank freikirchlicher Vergangenheit (Methodismus) schlagen hier durchaus zwei Herzkammern in meiner Brust.

Ich finde es übrigens wichtig, auch mit Konfis das Thema Geld anzusprechen. Bei mir durften sie immer eines von drei Spendenprojekten auswählen und wurden dann aufgefordert und ermutigt, auch von ihrem Konfirmationsgeld etwas zu spenden. Als „Challenge“ habe ich vom Zwanzigsten geredet und den biblischen Zehnten erwähnt. Jeder bekam einen besonders gekennzeichneten – natürlich nicht namentlich – Umschlag, den er auf jeden Fall wieder in den Opferstock werfen oder im Pfarramt abgeben sollte. Wenn ich das bei den Elternabenden erwähnt habe, gab es manchmal kritische Rückfragen à la: „Jetzt bekommen die ihr erstes eigenes Geld und dann sollen gleich wieder etwas davon abgeben. Muss das denn sein?“ Aber viele fanden es auch gut, die Verantwortung, die mit dem Besitz von Geld einhergeht früh konkret anzusprechen. Das komplette Spendenergebnis der Konfirmanden wurde dann ein paar Wochen später im Mitteilungsblatt abgedruckt. Von überraschend großen Scheinen bis hin zu leeren Umschlägen fand sich alles.

P. S. Das mit der Kirchensteuer eingenommene Geld wird in der evangelischen Kirche m. E. halbwegs vertrauensvoll verwaltet. So etwas kommt jedenfalls äußerst selten vor: Ein Greenpeace-Mitarbeiter verzockte ohne Kontrolle bei Währungsgeschäften 3,8 Millionen Euro, http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umweltschutzorganisation-greenpeace-mitarbeiter-verzockt-spendengeld-1.2000429

Und zum Schluss noch Lesefutter für alle Pro-Fans und Ärger-Potential für die Gegner: Diese vermutlich kirchensteuerfinianzierte Seite enthält viele Unterseiten. Ob die Argumente überzeugen, muss jeder selbst entscheiden: http://www.kirchenfinanzen.de 

Und noch ein aufschlussreiches Interview mit vielen historischen Hintergründen mit dem Finanzdezernenten der Evang. Landeskirche in Württemberg, Dr. Martin Kastrup: http://www.elk-wue.de/arbeitsfelder/kirche-und-menschen/menschen-im-interview/dr-martin-kastrup-vollversion/

Sehr nett ist diese Seite hier: http://www.kirchenaustritt.de/bw  Unter dem Kirchenaustritt kommen da „weitere Geldspartipps“ unter der Überschrift „Wechseln Sie jetzt Ihren Stromversorger“ und „Wechseln Sie jetzt Ihren Gasanbieter“. Was fehlt ist das Angebot „Wechseln Sie jetzt zu einer günstigeren Kirche“. Aber da zahlt vermutlich keine eine Provision … (Dass die FAZ sich auf solche Quellen für ihre Grafiken beruft, ist auch nicht gerade vertrauenswürdig.)

Nachtrag aus der Diskussion auf Twitter:

Noch ein Nachtrage: Ein (kirchensteuerkritischer) Kommentar aus dem Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/meinung/steigende-zahl-an-kirchenaustritten-die-kirchensteuer-ist-nicht-mehr-zeitgemaess/10329258.html

Und ein feuriges Plädoyer des bayerischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm für die Beibehaltung der Kirchensteuer: http://www.bayern-evangelisch.de/downloads/ELKB_Landesbischof_Kommentar_Kirchensteuer_2014-08-14.pdf

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Brauchen wir die Kirchensteuer?
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2 Gedanken zu „Brauchen wir die Kirchensteuer?

  • 23. Mai 2016 um 10:25
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    Mittlerweile treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus, um die Kirchensteuer einzusparen, denn mit den Jahren gesehen, kommt da doch einiges zusammen und für viele ein Grund, diesen Schritt zu gehen.

    Antworten
    • 23. Mai 2016 um 13:14
      Permalink

      Wir sind ein freies Land, das ist das gute Recht jedes einzelnen. Wer denkt, dass die Kirchensteuer verschwendetes Geld ist, sollte m. E. auf jeden Fall diesen Schritt gehen. Oft sind es die Steuerberater, die diesen Schritt empfehlen (und dabei ihr Honorar im Blick haben). Aus Nostalgie sollte auf jeden Fall niemand in der Kirche bleiben. Ungeklärt ist allerdings die Frage, was wir als Gesellschaft verlieren, wenn die Kirchen an den Rand gedrängt werden. Humaner dürften sie kaum werden. Aber nach wie vor bin ich mir nicht sicher, ob die Kirchen-„Steuer“ das richtige Instrument der Finanzierung ist (s.o.).

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